Andreas Gabriel, wie kamen Sie zum Geigenspiel?
Mein Vater Alois Gabriel, heute pensionierter Primarlehrer, spielt Akkordeon, Schwyzerörgeli und Kontrabass. Von klein auf hat er uns Kinder musikalisch gefördert, gemeinsam traten wir als Familienmusik Gabriel auf. Meine Schwester Daniela und ich spielten Violine, Silvia Klavier, die älteste Schwester, Rita, Akkordeon und Vater spielte Kontrabass. Das stundenlange Zusammenspielen mit der Familienkapelle hat mich besonders geprägt, denn so ergab sich eine Natürlichkeit im Spiel, die man nicht lernen kann, sondern einfach machen muss.
Wie ging Ihre musikalische Laufbahn weiter?
Nach der Matura studierte ich Violine bei Daniel Dodds an der Musikhochschule Luzern und schloss mit dem Master Pädagogik Klassik ab. Damals konnte man Volksmusik in Luzern noch nicht studieren. Am Ende des Hochschulstudiums beherrschte ich das Instrument zwar technisch besser, doch die Brücke zum intuitiven Spiel und zur Gestaltung von einfachen Melodien war abgebrochen. Später konnte ich in Luzern den Nachdiplomkurs Volksmusik belegen, Fabian Müller hat diesen Kurs geleitet. Mit Fabian verstand ich mich so gut, dass wir ein Duo mit Cello und Geige bildeten und uns gemeinsam aufmachten, den Fiedelstil neu zu entdecken und zu spielen. Dieser alte Stil ist in erster Linie in der irischen und skandinavischen Folkmusik sehr lebendig, in der Schweiz hat er nur in Appenzell überlebt.
Welche Bedeutung hatte die Geige früher in der Innerschweizer Volksmusik?
In der Innerschweiz verdrängte das Schwyzerörgeli Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts die Geige fast vollständig. Als ich mich nach meinem klassischen Studium der Volksmusik zuwandte, galt ich für viele als Exot, der die Geigenmusik in der Schweiz wiederbeleben will. Anfänglich konnte ich mich auf keine Vorbilder berufen, habe darum vor allem bei den Schwyzerörgeli-Spielern Anregungen geholt oder auch bei den Bläsern. Und das habe ich dann alles selbst für die Geige adaptiert.
Und nun sind Sie auf Spurensuche?
Ich suchte nach der verschollenen Fiedelmusik der Schweiz und wurde im Nachlass der Hanny-Christen-Sammlung fündig. Die Sammlerin aus dem Baselbiet war von den Vierzigern bis in die Sechzigerjahre in allen Kantonen unterwegs, machte ab Mitte der Fünfziger auch Feldaufnahmen bei alten Fiedlern, welche traditionelle Melodien auf unverfälschte Art spielten. Diesen Schatz von 12’000 Melodien, der bis ins frühe neunzehnte Jahrhundert zurückgeht, hat Fabian Müller 1992 entdeckt und 2002 veröffentlicht. Auch in der «Altfrentsch»-Sammlung aus dem Appenzell des achtzehnten Jahrhunderts fand ich Material. Diese wilde Appenzeller Tanzmusik wird kaum noch gespielt. Zudem holte ich mir Inspirationen von alten Geigentänzen aus dem Wallis und auch bei österreichischen Volksmusikgeigern horchte ich einiges ab.
Sie wurden auch im Muotathal fündig?
Das Schwyzer Bergtal war bis um 1860 nur über Saumpfade zugänglich. Durch diese Abgeschiedenheit entwickelte sich eine eigene, sperrig-urchige Tanzmusik. Im Muotathal hatte es bis Anfang des 20. Jahrhunderts rund 30 aktive Geiger gegeben, man konnte tatsächlich von einer Geigentradition sprechen. Einer der bekanntesten Geiger war Josef Imhof, «ds Predigers Joseeb». Er lebte von 1896 bis 1988. Letztes Jahr habe ich 50 traditionelle Tänze, die Imhof auf seiner Geige spielte, transkribiert. Entstanden ist ein umfangreiches, illustriertes Notenheft, in dem der originelle Musikant ausführlich porträtiert ist. 2022 habe ich auch das Heft «Schweizer Geigentänze» herausgegeben.
Die Wiederbelebung der Violine in der Volksmusik ist Ihnen ein grosses Anliegen?
Die Geige ist in der Volksmusik noch immer exotisch, aber die Tänze sind da und sollen auch gespielt werden. Mit meinem Trio spiele ich zum Teil uralte Tänze, die bis ins 18. Jahrhundert zurückreichen. Wichtig ist mir dabei die Wertschätzung der alten Kompositionen. Ich suche immer wieder nach alten Notationen, und es begeistert mich immer wieder aufs Neue, wenn ich eine Perle entdecke.
Gabriel/Nietlispach/Pupato, alte und neue Schweizer Volksmusik: Mittwoch, 21. 5. 2025, 20 Uhr, Restaurant Grund, Amsteg. Eintritt Fr. 28.–. Bitte reservieren, die Platzzahl ist beschränkt: 041 883 11 11, E-Mail grund@dergrund.ch


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