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Uri

Vertuschung von Missbrauchsfällen am Kollegium Karl Borromäus – Kanton will Übergriffe aufarbeiten

Sexueller Missbrauch, Nacktfotos, Vertuschung: Am Kollegium Karl Borromäus in Altdorf wurden Schüler missbraucht. Regierung und Schulleitung wussten damals davon – und schwiegen.
Das Gebäude der Kantonalen Mittelschule, ehemals Kollegium Karl Borromäus.
Bild: Dominik Wunderli (Altdorf, 30. 1. 2025)

Es sind erschütternde Veröffentlichungen: Ein ehemaliger Schüler des Kollegiums Karl Borromäus wurde von einem Pater zu Oralverkehr gezwungen. Ein weiterer Pater fertigte Nacktfotografien von Schülern an. Die Urner Regierung und die Schulleitung haben davon gewusst, jedoch nichts unternommen und die Fälle vertuscht.

Recherchen der «Rundschau» des Schweizer Fernsehens SRF geben Einblicke in systematische Übergriffe und deren jahrelange Vertuschung am Altdorfer Kollegium in den 1960er- und 1970er-Jahren. Der Beitrag dient dem Kanton Uri nun zum Anlass, die schweren Missbrauchsvorwürfe gegen Benediktinerpatres umfassend aufzuarbeiten. Zwischen 1906 und 1981 lebte und arbeitete am Kollegium ein Teil der Mönche des Klosters Mariastein. 1981 übernahm der Kanton Uri die Mittelschule, und die Benediktinermönche kehrten in den Kanton Solothurn zurück.

«Ruf der Schule höher gewichtet als Leiden der Opfer»

In der SRF-Sendung, die am Mittwochabend ausgestrahlt wird, berichtet ein ehemaliger Schüler von wiederholten sexuellen Übergriffen durch einen Pater: «Er hat sich entblösst und vor mir masturbiert, er hat mich gezwungen, sein Glied in den Mund zu nehmen, bis er in mich eingedrungen ist.» Erst Jahrzehnte später habe er die Kraft gefunden, das Erlebte mit seiner Familie zu teilen.

Ein anderer Fall betrifft einen weiteren Pater, der laut der «Rundschau» Schüler unter dem Vorwand des Aufklärungsunterrichts nackt fotografierte. Dokumente würden belegen, dass der damalige Rektor des Kollegiums sowie der Urner Erziehungsdirektor Josef Brücker über die Vorfälle informiert waren, aber eine Suspendierung zunächst ablehnten. In einem Schreiben von 1977 bezeichnete Rektor Pater Hugo Willi den Missbrauch als «einmaligen Fehltritt mittlerer Schwere».

Die Recherchen der «Rundschau» legen nahe, dass sowohl der Rektor als auch die Regierung und die Klosterleitung die Übergriffe über Jahre hinweg verharmlosten oder bewusst vertuschten. Regierungsrat Georg Simmen, aktueller Bildungsdirektor des Kantons Uri, zeigt sich betroffen: «Meines Erachtens hat man damals die Institutionen, den Ruf der Schule und der Kirche höher gewichtet als die Leiden der Opfer.»

Kanton Uri will zur Aufarbeitung beitragen

Die Bildungs- und Kulturdirektion des Kantons Uri zeigt sich entschlossen, zur Aufarbeitung beizutragen. In einer offiziellen Mitteilung erklärt der Kanton: «Eine Aufarbeitung dieser Übergriffe und der Rolle der Behörden ist uns sehr wichtig.» Aktuell arbeitet Uri mit der Universität Zürich zusammen, die im Rahmen einer gross angelegten Studie Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche und deren Institutionen untersucht.

Regierungsrat Georg Simmen betont in der Mitteilung zudem, dass er das Unrecht, welches diesen Schülern damals angetan wurde, aufrichtig bedauere. «Die heute selbstverständlichen Schutzmechanismen der öffentlichen Hand hatten offensichtlich versagt.»

Der Kanton ermutigt Betroffene, sich zu melden. Personen, welche bereit sind, über sexuellen Missbrauch im Umfeld der katholischen Kirche zu berichten, können sich direkt an die Universität Zürich wenden oder alternativ an den Kinder- und Jugendbeauftragten des Kantons, Ralph Aschwanden. «Es ist uns wichtig, zuzuhören und Betroffenen eine Stimme zu geben», so Simmen in der Mitteilung. Die Anonymität der Personen werde auf Wunsch gewahrt.

«Kirche ist prädestiniert, als Täterorganisation aufzutreten»

Beim Kloster Mariastein sei man bestürzt und beschämt über die Vorfälle am Kollegium in Altdorf. In einer Mitteilung distanziert sich das Benediktinerkloster von den Taten der beiden Mönche, die «sich an Schutzbefohlenen vergriffen und ihnen dadurch schweres Unrecht und Leid zugefügt haben». Man bedauere das Verhalten der damaligen Klosterleitung. Die Benediktiner von Mariastein würden die «Rundschau»-Sendung zum Anlass nehmen, sich «aktiv mit den dunklen Seiten ihrer Vergangenheit auseinanderzusetzen».

«Ob und in welchem Umfang einzelne Mönche der Klostergemeinschaft Kenntnis von den Vorfällen hatten, lässt sich heute nicht mehr feststellen», heisst es in der Mitteilung des Klosters weiter. Es sei innerhalb der Gemeinschaft nie offen darüber gesprochen worden.

Der heutige Abt des Klosters Mariastein, Pater Peter von Sury, bittet im Beitrag der SRF-Rundschau öffentlich um Entschuldigung: «Für unsere Klostergemeinschaft, für die Pater, die das damals angerichtet haben.» Er räumt ein, dass die katholische Kirche strukturell Missbrauch begünstigt habe: «Die Kirche ist prädestiniert, als Täterorganisation aufzutreten, in der Leute, die solche Verbrechen begehen, einen idealen Rahmen vorfinden oder vorgefunden haben. Sie sind geschützt worden.»

Betroffene können sich unter forschung-missbrauch@hist.uzh.ch oder 044 634 57 79 melden. Alternativ kann Ralph Aschwanden ( ralph.aschwanden@ur.ch ) den Kontakt zum Forschungsteam herstellen.

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