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Nidwalden

Unvernunft und geheime Liebe: Das aufregende Leben der Annemarie von Matt

Erstmals sind Texte und «Zädili-Sprüch» der Stanser Künstlerin Annemarie von Matt (1905-1967) in einem Buch beisammen.
Annemarie von Matt mit 33 Jahren (Aufnahme von 1938). (Bild: © Kantonsbibliothek Nidwalden)
Patrizia Keller begleitet als Kuratorin und Vizedirektorin des Nidwaldner Kulturdepartments das Annemarie-von-Matt-Jahr. Im Hintergrund zwei sehr unterschiedliche Werke Annemarie von Matts. (Bild: Romano Cuonz)

Romano Cuonz

Romano Cuonz

«Ich bin mir allein schon zuviel», schrieb die eigenwillige Nidwaldner Künstlerin Annemarie von Matt 1959 mit Bleistift auf ein «Zädili». Dieses heftete sie, neben Hunderten anderer, an die Wand in ihrem Stanser Atelier. Was sie als wahr und echt empfand, hielt sie so fest.

Doch, wie porträtiert man eine Frau, die so etwas von sich sagt? Eine Querdenkerin, die mit kreativen Schüben an Worten oder mit sprachmächtigen Briefen ihrer Zeit in vielen Hinsichten weit voraus war. Selbst der Literaturwissenschafter Roger Perret, der diese Herausforderung im Auftrag des Nidwaldner Museums angenommen hat, gesteht: «Die verwirrende Vielfalt, der sperrige wie grenzüberschreitende Charakter von Annemarie von Matts Arbeiten erschweren den Zugang.» Ein Kurznotat könne gedichtartig ein Brief ein Prosagedicht sein, und oft hätten die Aufzeichnungen der Künstlerin auch einen bildnerischen Aspekt.

Eine Reise in die literarische Unterwelt

Nach minutiösen Recherchen in Archiven und vielen Gesprächen mit Kennerinnen und Kennern der Künstlerin, legt Perret nun einen schön gestalteten Porträtband vor: mit dem von ihr selber gesetzten, vielsagenden Titel «Meine Nacht schläft nicht». Erstmals werden darin die bekannten, aber eben auch ganz neu entdeckten Texte und Selbstaussagen der Sprachkünstlerin separat veröffentlicht. Perret gibt sich überzeugt: «Durch ihre Unverwechselbarkeit und sprachliche Qualität bilden die Texte der Nidwaldnerin ein literarisches Werk, wenn auch ein schillerndes.»

Der hochpoetischen, aber auch oft rätselhaften Annemarie von Matt hätte eine Publikation ihrer Texte wohl Genugtuung verschafft. Sie selber hat notiert: «Freue mich, wenn Ihr Einblick tuen werdet eines Tages in meine Unterwelt, wundersam, reich geheimnisvoll und pauvre geheimnisvoll.»

Geboren wurde sie 1905 als Maria Anna Gunz in Root. Das als «ziemlich eigensinnig und rebellisch» beschriebene Kind wuchs in bescheidenen Verhältnissen auf. Ihr Vater, ein einfacher Fabrikarbeiter, verweigerte dem Mädchen den Besuch einer Sekundarschule: trotz hervorragender Schulnoten. So arbeitete sie in verschiedenen Familien als Haushalthilfe. In einer Genfer Pension, wo Künstler und Theaterleute verkehrten, kam sie erstmals mit der Malerei in Berührung. Zurück in Luzern knüpfte sie Kontakt zum Künstlerkreis um die Architekten Otto Dreyer und Armin Meili.

Ihr Talent war offensichtlich. Bald schon erhielt sie Aufträge für Wandbehänge und andere kunstgewerbliche Arbeiten. In einem Brief bekennt sie: «Kunterbunt bis zum 22. Jahr, planlos sozusagen ohne Gedanken gelebt, leichtsinnig da und dort.»

In der Zeit verliebte sie sich in den belesenen Stanser Bildhauer Hans von Matt. Heiratete 1935 in die altehrwürdige Familie mit politischem und künstlerischem Hintergrund. Obwohl sie als Künstlerin vorerst traditionelle Werke schuf – vorzugsweise Darstellungen der Muttergottes, stiess sie im konservativen Umfeld auf Widerstand. Ihren Unmut darüber hielt sie im Notizkalender lakonisch fest: «Nahm mir vor, den Weg der Vernunft zu gehen ab heute und da gibt es nur Langweiliges wie Haushalt und dergleichen. Es lebe die Unvernunft und es leben die Exzesse, die rosaroten.» Bei von Matts stand Geselligkeit hoch im Kurs. Bei Atelierfesten mit Kostümierungen traf man Freunde zu oft wilden Gelagen.

Eine verbotene Liebe flammt auf

Am 21. Juli 1940 traf Annemarie von Matt in Stans den Luzerner Priester, Gymnasiallehrer und Schriftsteller Josef Vital Kopp. Als Feldgeistlicher in schmucker Uniform und hoch zu Ross machte er auf die junge Frau mächtig Eindruck. Ihr Ehemann Hans von Matt wird später in einer Biografie feststellen: «Annemarie macht die grosse Entdeckung, dass Vital ein Mann ist. Beide hochentflammt.»

Ab diesem Tag begann eine Liebesbeziehung, die die beiden bis zu ihrem Tod geheim hielten. Immer wieder trafen sie sich: Auf dem Brünig im Ferienhäuschen Wighus oder in Kopps Rückzugsklause Bräch. Daneben schrieben sich die beiden bis zu 40 Seiten lange Briefe mit Zetteln und Gedichten als Beigabe. Ihre Liebe zu Kopp bezeichnete Annemarie von Matt einmal als «tödlichen Wahnsinn», und sie stellte fest: «Oft braucht man nicht denselben Mann für dasselbe». In der Tat: Die Künstlerin zog nun alle Register der Schreibkunst, von Verführung, Beschwörung, Lobpreisung bis zur Selbsterniedrigung und Schmähung. Und trotz allem gab sie sich überzeugt: «Ich bin nicht verrückt, sondern nur reich gesegnet.»

Später, als sie von Kopp nicht mehr die erwünschten Liebeszeichen erhielt, wuchs die Unordnung im Wohnhaus. Die nun auch kränkelnde Annemarie von Matt verwahrloste mehr und mehr. 1967 starb sie im Spital Stans. Unvergessen bleiben ihre letzten Worte. Nachdem der Kapuzinerpater ihr die Sterbegebete vorgelesen hatte, sagte sie noch: «Chönid iär das nidemal usswändig?» Und der Kommentar ihres Ehemanns, Hans von Matt, in seiner Biografie: «Annemarie blieb bis zuletzt originell.»

Buch-Hinweis: Annemarie von Matt: «Meine Nacht schläft nicht». Ein Porträt von Roger Perret, mit Originaltexten der Künstlerin. Limmat Verlag, 250 S., Fr. 39.90.

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