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Kolumne Soziologischer Standpunkt

Unser Problem ist Überfluss – nicht Knappheit

Von allem zu viel. Obwohl wir uns ständig mit Knappheit befassen, leben wir im Überfluss. Wie können wir damit umgehen?

Es scheint, es gibt von allem zu viel. Handys überfluten uns mit Fotos und Nachrichten. Zu viele Menschen wollen gleichzeitig auf den Pilatus, und die Städte kämpfen mit zu viel Tourismus. Bei der Arbeit gibt es zu viele Meetings, und die Freizeitangebote überfordern: Gärtnern, Reisen, Lesen oder doch Yoga?

Wir versinken im Überfluss – auch beim Shoppen in der Luzerner Altstadt.
Bild: Manuela Jans-Koch (Luzern, 29. 6. 2023)

Überfluss ist zu einem Problem geworden. Nichtsdestotrotz hält sich die Idee, dass Knappheit unser Problem sei. Mangelnde Fachkräfte verhindern das Funktionieren von Spitälern. Knappe Zeit oder knappes Geld hindern uns daran, unsere Möglichkeiten auszuschöpfen. Könnten wir Knappheit überwinden, wären wir perfekt produktiv – so die Standardidee.

Der Soziologe Andrew Abbott fordert, Überfluss anstelle von Knappheit in den Fokus zu stellen. Wenn wir das tun, geht es nicht mehr länger darum, herauszufinden, wie wir trotz der stets knappen Mittel bestmöglich produktiv sind, sondern wie wir mit dem «zu viel» umgehen. Das ist wichtig, denn Überfluss paralysiert, lähmt, ver- und zerstört. Nach Abbott gibt es zwei Strategien, mit Überfluss umzugehen: reduzieren oder skalieren.

Nadine Arnold.
Bild: zvg/Roberto Conciatori

Die einfache Version, zu reduzieren, bedeutet: zu ignorieren. Beim Kleidereinkauf folgen wir den Trends und kaufen, was angepriesen wird. Damit setzen wir uns mit der Kleiderflut gar nicht erst auseinander. Überfluss kann aber auch aktiv reduziert werden. Das bedeutet, wir ordnen ihn. Dazu sortieren wir Abfälle, oder wir erstellen Listen. Google-Bewertungen zum Beispiel informieren, welche Restaurants eine gute Wahl sind und welche zu meiden sind.

Überfluss reduzieren leuchtet ein, während skalieren paradox klingt. Gemeint ist, dass wir uns an Überfluss anpassen und einen kreativen Umgang damit finden. So verwandeln einige Müll in Kunst, während andere Freude an multikultureller Küche und Gemeinschaft finden. Skalieren funktioniert auch durch serielles Aneinanderreihen des «zu viel»: Yoga, wenn wir 20 sind, Reisen mit 30, Lesen mit 40 und das Gärtnern ab 50.

Diese Strategien zeigen, dass wir längst begonnen haben, uns mit Überfluss zu arrangieren. In unseren Köpfen halten wir jedoch daran fest, dass es Mangel und Knappheit sind, auf die wir Lösungen finden müssen.

Wer jetzt denkt, Armut zeige, dass Knappheit das Problem ist, sollte versuchen, anders darüber nachzudenken. Oft zeigt sich Armut darin, dass Menschen an verschmutzten Orten leben. Und es sind die weniger Privilegierten, die den Überblick über zahllose Sonderangebote behalten müssen. Und häufig sind es auch sie, die sich auf Sozialämtern mit einer Vielzahl von bürokratischen Formularen abmühen müssen.

Die Privilegierten hingegen können die Bürokratieflut oft umgehen. Sie leben und erholen sich dort, wo Luft und Strand sauber sind. Sie essen in Restaurants mit kleinen Karten und kaufen in Läden mit exquisiten Angeboten. Es scheint ein Privileg zu sein, Überfluss aus dem Leben fernzuhalten.

In der Kolumne «Soziologischer Standpunkt» äussern sich Soziologinnen und Soziologen der Universität Luzern zu Gesellschaftsthemen. Quelle: Andrew Abbott (2014): The Problem of Excess, Sociological Theory, Vol. 32(1), 1–26.

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