Es gibt Begebenheiten, die sich einem als Kind für immer einprägen. Für mich sind das die wenigen Mittagessen, die wir vor dem Fernseher essen durften. Drei Fernsehsender, ein striktes Fernsehverbot bis 18 Uhr, nach der Tagesschau wieder Fernsehverbot für die Kinder. So waren die Regeln in unserer Familie - oder zumindest waren sie in meiner Erinnerung so. Doch keine Regeln ohne Ausnahme. Und diese Ausnahmen hiessen Val Gardena, Lauberhorn und Kitzbühel. Samstagmittag, nach der Schule, rannten wir nach Hause, um die Skiabfahrten live im Fernsehen zu sehen. Und dabei durften wir jeweils vor dem Fernseher essen. Da wurde speziell aufgetischt und es herrschte eine besondere Anspannung in der Familie. Kamelbuckel, Hundsschopf, Mausefalle – mit diesen Pistenabschnitten wuchs ich sozusagen auf.
Es waren besondere Momente, wenn Peter Müller, Franz Heinzer, Conradin Cathomen oder Gusti Öhrli für die Schweiz die Pisten runterrasten. Wichtig war nicht nur, dass die Schweizer gewinnen. Wichtig war auch, dass die Österreicher wie Helmut Höflehner, Karl Schranz oder Erwin Resch geschlagen wurden. Und natürlich eiferte ich diesen Helden nach, wenn ich selbst auf den Ski stand. Zunächst noch auf kleinen Hügeln im Quartier, dann beim Schützenstand in Altdorf oder in der Körner-Skischule. Ganze Nachmittage verbrachten wir mit Hochsteigen und Runterfahren. Natürlich gab es damals noch regelmässig genügend Schnee im Talboden.
Und immer stellten wir uns vor, eines unserer Idole zu sein, die am Start der Lauberhorn-Abfahrt standen. Die meisten meiner Kameraden wollten dabei Conradin Cathomen «sein». Mein Idol war aber Steve Podborsky. Einer der berühmten «Crazy Canucks» wie Ken Read oder Todd Brooker, die anfangs der 1980er-Jahre die Dominanz der europäischen Abfahrer durchbrachen. Warum genau mich Steve Podborsky so faszinierte, weiss ich nicht mehr. Vielleicht war es die Furchtlosigkeit, mit der er auch heftigste Stürze wegsteckte. Oder es war der schwarze Helm, mit dem Steve Podborsky jeweils seine Rennen fuhr. Sein gelbes Dress und sein schwarzer Helm – das sah in meinen sechsjährigen Kinderaugen einfach unbeschreiblich cool aus. Peter Müller wollte übrigens nie jemand sein, soweit ich mich erinnere.
Und so stellte ich mir in Unterschächen oder Emmetten bei den Körner-Skirennen vor, dass ich als «Crazy Canuck» oben am Start stehe. «Steve Aschwanden Podborsky» so in etwa. Es gilt natürlich anzumerken, dass die Skikarriere von Steve Podborsky wesentlich erfolgreicher war als meine eigene. Ich wurde meist wegen eines verpassten Tores disqualifiziert oder an die letzte Stelle der Rangliste gesetzt. Das «Crazy» hatte wohl meinen Fahrstil zu sehr geprägt. Meiner Begeisterung für die Abfahrten in Val Gardena, Wengen und Kitzbühel hat das aber bis heute nicht geschadet. Sie zählen für mich immer noch zu den speziellsten Sportereignissen des Jahres, wobei auch bei uns ausnahmsweise vor dem Fernseher gegessen werden darf. Das hat schliesslich Tradition.
Ralph Aschwanden, Leiter des Urner Amts für Kultur und Sport aus Altdorf, äussert sich abwechselnd mit anderen Autorinnen und Autoren zu einem selbst gewählten Thema.

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