«Tattoos sind entweder Zeichen der Zugehörigkeit oder der Abgrenzung.» Die Sätze meiner Freunde sind wunderbare Denkanstösse.
Wenn ich die Tattoos meiner Freund:innen durchgehe, scheint sich das zu bestätigen. Mein Bruder ist Umweltingenieur und Vegetarier, und seine unzähligen Tattoos zeigen vor allem Tiere – seine Verbundenheit mit der Natur. Und die Zeichnungen, die wie Kritzeleien wirken und keine Bedeutung zu haben scheinen, sind in dem Fall Abgrenzung zu unserem Perfektionszwang?
Ich trage Worte in Sprachen und Schriften auf der Haut, die ich weder sprechen, verstehen noch lesen oder schreiben kann; Arabisch, Sanskrit, Hebräisch, Japanisch oder Georgisch. Zu was fühle ich mich zugehörig? Von was will ich mich bewusst oder unbewusst abgrenzen?
«Wieso, wenn sie niemand lesen kann, nicht mal du?», wurde ich letztens von einem Urner gefragt. Ich finde die Schriftzeichen ästhetisch unglaublich schön. Obwohl ich sie für alle sichtbar auf der Haut trage, habe ich sie für mich gestochen. Ich bin mir dem Widerspruch bewusst, er passt zu mir. Tattoos lehren einen, zu sich selbst und seinen Entscheidungen zu stehen.
Der Tintenfluch, der besagt, dass sich das, was man sich unauslöschlich in die Haut stechen lässt, im Lauf der Zeit unweigerlich als falsch herausstellen wird, hat sich bei mir (noch) nicht als wahr erwiesen. Ich mag meine Tattoos. Ich mag den empörten Blick meiner Grossmutter bei jedem neuen. Ich mag es, über Freundinnen von Freunden jemanden zu finden, der oder die die ausgesuchte Sprache spricht, und ich liebe den Übersetzungsprozess. Denn meist lassen sich meine Ideen nicht wortwörtlich übersetzen. «Humor» gibt es im Arabischen nicht, und wir haben lange diskutiert, was der Bedeutung am nächsten kommt. «Mit lachendem Herzen» passt zum blumigen Arabisch. Besonders schön sind die Begegnungen, die durch meine Tattoos entstehen. Ich kann beobachten, wie Augen meine Haut mustern und aufleuchten, wie ein wildfremder Mensch, eine neue Bekanntschaft, ein Mönch in Kutte auf mich zukommen und mir mein Tattoo vorlesen. Denn obwohl ich es nicht aussprechen kann, erkenne ich den Klang der Worte. Und dann beginnt ein Austausch, manchmal mit Händen und Füssen, über ihre Herkunft und meinen Bezug zur Sprache.
Meine Tattoos zeigen meine Liebe für Sprache und Vielfalt und meine Neugier fremden Kulturen gegenüber. Unbewusst habe ich mich damit wohl vom Denken und dem Abstimmungsverhalten der Mehrheit im Kanton abgegrenzt. Und obwohl es nichts Besseres gibt als Ziggerkrapfä und mein Inneres nie lauter «Heimat» schreit, als beim Anblick des Rophaien oder Gitschen, würde ich eher eine Regenbogenflagge an die Fassade hängen als die Urner- oder Schweizerfahne.
Stichwort Zugehörigkeit und Abgrenzung: Ich wünsche der Schweiz zum Geburtstag, dass wir neugierig bleiben. Neugierig auf die Herkunft, Lebensweise, Eigenarten und Gedanken aller Menschen auf diesem Fleck Erde und weit darüber hinaus.
Noëlle Gogniat, Autorin aus Bern, äussert sich abwechselnd mit anderen Autorinnen und Autoren zu einem selbst gewählten Thema.


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