Altdorfer Dezembertage

Vom Füllen des fabelhaften Nebelhorns

Ein Stück dreht im Theater Uri am Kaleidoskop der Weltlage und amüsiert auf surreal-reale Art ein waches Publikum. Was, wenn das HEUTE vorbei aber das MORGEN unsicher ist. Der Abend versucht, das Nebelhorn zu füllen.

Was passiert, wenn sich Fuchs und Schildkröte, Hase und Esel, eine Löwin und Sokrates auf einer Theaterbühne begegnen? Es wird tierisch, philosophisch und bisweilen überraschend menschlich. Das Theaterstück «ZW. HEUTE UND MORGEN – Vom Füllen des fabelhaften Nebelhorns» nimmt unsere Gegenwart humorvoll unter die Lupe und fragt, wie wir denken, leben und miteinander umgehen. Gesellschaftskritik trifft auf Philosophie, Fabeln auf Musik und Schweizer Dialekt auf die grossen Fragen unserer Zeit. Das Ergebnis gleicht einem Kaleidoskop: Ein kleiner Dreh genügt, und schon erscheint die Welt in einem anderen Licht.

Die Fabeln von Äsop sind dabei weit mehr als tierische Unterhaltung. Fuchs, Schildkröte, Hase, Esel und Löwin führen uns die kleinen und grossen Schwächen menschlichen Strebens vor Augen. Wer rennt zu schnell, wer bleibt auf der Strecke, und wer hält sich für schlauer, als er ist? Sokrates versucht, etwas Licht in den Nebel zu bringen – mit seiner berühmten Erkenntnis: «Ich weiss, dass ich nicht weiss.» Eine bescheidene Einsicht, die in einer Zeit selbstsicherer Meinungen durchaus erfrischend wirkt. Doch reicht es, das eigene Nichtwissen zu erkennen, um die Zukunft besser zu gestalten?

Der Apfel

Auch Äpfel können für Gesprächsstoff sorgen. Eine Schlüsselszene dreht sich um Identität, Wahrheit und die Frage, was beim gemeinsamen Essen ans Licht kommt – und was lieber im Verborgenen bleibt. Wer ist, wer er vorgibt zu sein? Und wer bestimmt eigentlich, was als echt gilt? Neugierig geworden? Das Nebelhorn ist noch lange nicht gefüllt.

Die Spielenden treten mit ihren eigenen Namen auf und schlüpfen in die Rollen der tierischen Fabelwesen oder befragen sich und die Welt. Sie singen vom Klimawandel und nehmen den Kochautomaten ins Visier, der als KI-gesteuerter Küchenhelfer womöglich mehr Einfluss auf die Hausfrau oder den Hausmann gewinnt, als ihnen lieb sein kann. Technischer Fortschritt ist schliesslich eine feine Sache – solange noch jemand entscheidet, was auf den Tisch kommt.

Eliane Jauch, Luis Böschenstein, Priska Loretz, Peter Frei, Regina Jauch und Robin De Vettor spielen sich mit sichtbarer Spielfreude in Augen und Ohren des Publikums. Die Texte stammen von Heinz Keller und Eliane Jauch. Luis Böschenstein und Robin de Vettor steuern die komponierte und improvisierte Musik bei.

Wer über die Welt nachdenkt, darf auch lachen

So verbindet «ZW. HEUTE UND MORGEN - Vom Füllen des fabelhaften Nebelhorns» philosophische Kabinettstücke mit Gesellschaftskritik und nimmt Themen wie Klimawandel, Ungleichheit, Identität, künstliche Intelligenz und Selbstbestimmung ins Visier. Dabei wird nicht mit fertigen Antworten gewedelt. Vielmehr lädt das Stück dazu ein, Gewissheiten zu prüfen, Denkmuster zu drehen und auch einmal über sich selbst zu lachen.

Die Vorstellungen im Theater Uri bewegen sich zwischen Ernsthaftigkeit, surrealen Gedankensprüngen und wohltuender Bodenständigkeit. Humor und Musik sorgen dafür, dass die grossen Fragen nicht allzu schwer auf den Schultern lasten. Denn wer über die Welt nachdenkt, darf durchaus auch lachen.

Am Ende bleibt das Nebelhorn vielleicht nicht restlos gefüllt. Dafür nimmt das Publikum ein paar neue Gedankenfarben mit nach Hause – und die eine oder andere Frage, die sich nicht so leicht wegwischen lässt: Wie wollen wir heute und morgen leben? Und wer entscheidet eigentlich darüber? (zvg)

«ZW. HEUTE UND MORGEN – vom Füllen des fabelhaften Nebelhorns» am Sonntag, 22. November um 16 und 19 Uhr im Theater Uri. Infos und Tickets: www.theater-uri.ch

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