Als Gefängnisseelsorger kenne ich die Gewaltentrennung. Staatsanwälte ermitteln, Verteidiger versuchen, die Interessen der Mandanten zu vertreten, der Seelsorger hört zu und versucht – wenn nötig – die Ängste und Einsamkeit der Gefangenen zu teilen. Die Justiz wird später ihr Urteil fällen.
Das ist nicht ironisch gemeint, aber es erinnert mich an die Ereignisse der vergangenen Tage rund um die Aufarbeitung der Missbrauchsfälle. Die Betroffenheit und Erschütterung sind spürbar, und sie können auch heilsam sein. Man kann jetzt beim besten Willen nicht einfach zur Tagesordnung übergehen. Zaghafte Strukturveränderungen reichen nicht mehr aus.
Dass Systemveränderungen lange Zeit brauchen, das ist bekannt. Aber es hat mit Gewaltentrennung zu tun, mit der Einsamkeit der 0pfer, mit einem Urteil. Die Schweizer Bischöfe sprachen von einem notwendigen Kulturwandel, das hat auch mit Machtfragen zu tun. Ein kirchliches System, das so viele 0pfer fordert, muss hinterfragt werden. Vermeiden sollten wir die billige Suche nach Sündenböcken, suchen aber sollte man einen versöhnlichen Umgang untereinander. Aussitzen lässt sich diese Erschütterung nicht, aber sie kann zum Aufbruch führen.
Hans-Peter Schuler
Diakon, Brunnen
hp_schuler@ bluewin.ch

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