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Luzern

Staffeln-Schulhaus setzt neue Massstäbe: «Die räumliche Veränderung hat der Zusammenarbeit unter den Lehrpersonen einen riesigen Schub gegeben»

Seit dem Schulbeginn von Mitte August werden die Reussbühler Primarschüler im neuen Schulhaus Staffeln unterrichtet. Den Kindern gefällt's, wie ein Augenschein zeigt.
Schüler und Schülerinnen der Klasse 5b während des Unterrichts im neuen Schulhaus Staffeln.
(Bilder: Nadia Schärli
(Reussbühl, 21. September 2020))
Die beiden Schulleiter Roman Eisserle (links) Christof Bünter.
Liana Djuric (11, links) und Nora Jankovic (11).
Antonia Salis und Valentin Brunner (beide 8).

Beatrice Vogel

Beatrice Vogel

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Beatrice Vogel

Das mit rund 500 Schülern und Schülerinnen grösste Primarschulhaus im Kanton Luzern setzt neue Massstäbe in Sachen Schularchitektur: Die Unterrichtsräume sind in sogenannten Clustern angeordnet – oder, wie es Schulleiter Roman Eisserle formuliert: «Kleine Schulen in der grossen Schule.» Jeweils vier Klassen teilen sich einen gemeinsamen Bereich mit Garderobe und frei bespielbarer Fläche, zwei Gruppenräume, ein Lehrerzimmer und WCs. Sechs solche Einheiten gibt es im Staffeln-Schulhaus, vergleichbar mit sechs Wohnungen in einem Mehrfamilienhaus. «Die Cluster helfen den Kindern, sich trotz der Anonymität der grossen Schule wie zu Hause zu fühlen», sagt Eisserle.

Die Innenarchitektur ist massgeschneidert für die Reussbühler Primarschule, die diesen Sommer vom Schulhaus Ruopigen ins neue Staffeln-Schulhaus umgezogen ist, wie die beiden Schulleiter Roman Eisserle und Christof Bünter erklären: «Wir haben schon vorher in Vierer-Einheiten gearbeitet. Die Kultur der Unterrichtsteams hatte sich bereits die vorherige Primarschule Ruopigen auf die Fahne geschrieben, bevor wir 2012 die Schulleitung übernommen haben.»

Die Architektur spiegelt also den Unterrichtsstil und unterstützt diesen, wie Bünter ausführt: «Die räumliche Veränderung hat der Zusammenarbeit unter den Lehrpersonen einen riesigen Schub gegeben.» Und dies nur schon in den wenigen Wochen seit Schulbeginn.

Kinder bewegen sich frei in ihrer «Wohnung»

Wie der Unterricht aussehen kann, zeigt ein Besuch im obersten Stock, wo sich zwei fünfte und zwei sechste Klassen einen Cluster teilen. Durch die Glastür des Klassenzimmers kann man die Klasse 5b beim Unterricht im Klassenverbund beobachten. Sie lernt gerade die Kantone und deren Hauptorte.

Währenddessen arbeitet die Klasse 6b in Grüppchen verteilt in diversen Räumen. So sitzen Nora Jankovic und Liana Djuric (beide 11) bei der Sofagruppe in der Cluster-Mitte und üben ihre Präsentationen, bei denen sie eine Sehenswürdigkeit der Schweiz vorstellen müssen.

Sie arbeiten mit Laptops und geben sich gegenseitig Tipps, was sie verbessern können. «Wenn wir das gleiche Thema haben, arbeiten wir manchmal auch mit anderen Klassen zusammen», erklärt Liana. Das könne auch stufenübergreifend sein. «Wir waren zum Beispiel einmal zusammen mit der fünften Klasse im Verkehrshaus», sagt Nora. Auch eine Etage weiter unten, bei der dritten und vierten Klasse, stehen manche Zimmertüren offen. Je nach Unterrichtsform bewegen sich die Schülerinnen und Schüler frei innerhalb ihrer «Wohnung». Und wenn es Probleme gibt – etwa, wenn einige Schüler die Finken der anderen verstecken – werden diese im Clusterrat besprochen und gelöst.

Den Kindern gefällt das neue Schulhaus, wie sie erzählen. Den Drittklässlern unter anderem, dass sie eine eigene Garderobe haben, wie Antonia Salis (8) sagt: «Im Ruopigen war die Garderobe eng und die älteren Schüler haben manchmal Schimpfwörter benutzt. Hier haben wir mehr Platz und Ruhe, und es ist hell und bunt.»

Ihr Klassenkamerad Valentin Brunner (8) findet vor allem die Technik toll – nicht nur eine Wandtafel, sondern eine Leinwand mit Beamer sowie besser verstellbare Tische und Stühle – «und den coolen Fussballrasen». Kritik gibt's von den Schülern vor allem für die schweren Türen im Haus.

Räumliche Nähe vereinfacht Austausch

Gross ist die Veränderung aber nicht nur für die Kinder, sondern – wie Christof Bünter schon angetönt hat – auch für die Lehrpersonen. Durch die räumliche Nähe im Cluster ist deren Austausch einfacher. Das oben beschriebene Zuhause gilt auch für sie: «Weil sie sich meist in ihren Arbeitszimmern treffen, ist kaum jemand im allgemeinen Lehrerzimmer», erzählt Roman Eisserle schmunzelnd.

Dass es in jedem Cluster ein Lehrerbüro gibt, schätzt Victoria Krüger, Lehrerin der fünften und sechsten Klasse, weil die Lehrpersonen dadurch präsenter sind. «Jede Lehrperson im Cluster sieht durch die erhöhte Sichtbarkeit auch jene Schülerinnen und Schüler, die nicht in der eigenen Klasse sind. Und durch die kurzen Wege findet ein kontinuierlicher Austausch statt, der die Sitzungen ergänzt.» Dadurch entstehe eine neue Verantwortlichkeit und eine höhere Gewichtung des Zwischenmenschlichen. So nehmen auch die Kinder die Lehrpersonen als Team wahr und suchen sich bei Bedarf eine Bezugsperson, die nicht unbedingt die eigene Klassenlehrperson ist.

Die Lehrpersonen haben dank der Teamarbeit und dem flexiblen Raumangebot zudem mehr Möglichkeiten, den Unterricht zu gestalten sowie klassen- und stufenübergreifend zu arbeiten. So sind Unterrichtseinheiten oder Projekte möglich, die unabhängig von der Stufe besucht werden können, je nach Interessen des Kindes. «Bis jetzt waren wir diesbezüglich noch etwas vorsichtig wegen der Pandemie», sagt Krüger. «Es ist aber absolut das Ziel, vermehrt klassenübergreifend zu arbeiten.»

Rollenverständnis der Lehrer hat sich verändert

Die neue Nähe der Klassen birgt auch die Thematik der Abgrenzung, wie Roman Eisserle ausführt. Jede Lehrperson muss entscheiden, wann sie im Klassenverbund arbeiten und wann sie diesen bewusst aufbrechen will. «Wir befinden uns dabei alle in einem Lernprozess.» Und Christof Bünter ergänzt: «Als ich in den 90er-Jahren Lehrer wurde, war ich mit meiner Klasse allein im Zimmer. Später kam mit der integrierten Förderung und mit Deutsch als Zweitsprache oft eine zweite Lehrperson ins Schulzimmer. Heute sind es Teams von acht bis zehn Personen, die zumindest bei der Unterrichtsplanung eng zusammenarbeiten.» Das Rollenverständnis der Lehrpersonen wie auch der Heilpädagogen, die ins Team integriert sind, habe sich stark verändert.

Die Stadt Luzern hat die kleinteilige Struktur des Schulhauses Staffeln als Vorbild für die anstehenden Umbauten der Schulhäuser Littau Dorf und Rönnimoos gewählt. Ob die Cluster-Struktur für jedes Schulhaus die zukunftsweisende Form ist, können Bünter und Eisserle nicht sagen. Für das Staffeln sei es das richtige, finden beide.

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