Neue Axenstrasse

Ein Dorf blickt in den Berg

Sisikon wartet seit Jahrzehnten auf Verkehrsentlastung. Nun wird die neue Axenstrasse gebaut: eine Baustelle, die Sisikon exklusiv von innen sehen durfte.
Der Andrang am Tag der offenen Tür war gross. Die Besuchenden zeigten sich interessiert und konnten sich dank der guten Organisation umfassend über das Grossprojekt informieren.
Bild: Veronika Rojek (Sisikon, 22. 8. 2026)

Antonia Albert (16) und ihr Bruder Tobias (15) kommen aus Sisikon. An diesem Nachmittag tragen sie einen rund 20 Kilogramm schweren Felsbrocken durch den Stollen. In seiner Mitte steckt ein rund vier Zentimeter breites Bohrloch. Ein Souvenir, das kein Laden der Welt verkauft. Tobias findet dabei vor allem eines ziemlich verrückt: dass er in ein paar Jahren mit dem Auto durch genau diesen Berg fahren soll. Heute geht er noch zu Fuss hindurch – Helm auf dem Kopf, ein Stück Berg im Arm.

Ein Nachmittag für die Betroffenen

Der Tag der offenen Baustelle am Samstag, 22. August, ist bewusst für die Bevölkerung von Sisikon und Ingenbohl organisiert. Für jene also, die das Projekt nicht nur aus Plänen kennen, sondern mit der heutigen Axenstrasse leben. Wie unmittelbar das sein kann, zeigte sich erst vergangene Woche. Als der Seelisbergtunnel nach einem Unfall gesperrt war, wälzte sich der gesamte Verkehr über die Axenstrasse. Der Stau reichte von Schwyz über Flüelen bis Gurtnellen. Und wer in Sisikon auf den Ersatzbus angewiesen war, lernte schnell: Auch ein Bus bleibt im Stau stehen.

Seit rund 40 Jahren wird daher über diese neue Linienführung diskutiert. Nun wird tatsächlich gebaut. Wer an diesem Tag über die Grossbaustelle läuft, bekommt eine Ahnung davon, welche Arbeit hinter dieser neuen Verbindung steckt.

350 Kilowatt für den Berg

Die Maschine wirkt, als wäre sie einem Science-Fiction-Film entsprungen: Der «Jumbo» steht im Zugangsstollen Dorni, mehrere Bohrarme ragen wie Spinnenbeine vor die Ortsbrust. 350 Kilowatt Leistung hat die elektrische Maschine – dafür braucht sie ihren eigenen Transformator.

Loch um Loch bohrt sie mehrere Meter tief in den Fels. Jedes sitzt dort, wo es sitzen muss. Gesprengt wird kein wahlloser Brocken Berg, sondern ein genau berechnetes Muster: Zuerst wird das Herz des Abschlags herausgelöst, danach arbeiten sich die Sprengungen sternförmig nach aussen. Es macht daher auch nicht einmal richtig «Bumm». Es macht: «dün, dün, dün, dün». Eine Kaskade von Zündungen, zeitlich versetzt, die den kompakten Fels Schritt für Schritt aufbricht. Rund fünf Meter Vortrieb schafft ein solcher Abschlag. Danach wird das Material gebrochen, geräumt, der Stollen mit Spritzbeton gesichert und der Jumbo fährt wieder vor.

Von Informationsplakaten bis zu kleinen Modellen: Rund um die Baustelle war für den Tag der offenen Tür einiges vorbereitet. Zahlreiche Mitarbeitende standen für Fragen zur Verfügung.
Bild: Veronika Rojek (Sisikon, 22. 8. 2026)

Was aus dem Berg herauskommt

Rund 3500 Tonnen Ausbruchmaterial fallen täglich an. Für Simon Peggs, Oberbauleiter Süd des Sisikoner Tunnels, ist deshalb die Logistik eine der grössten Herausforderungen. Die heutige Axenstrasse muss frei bleiben, während gleichzeitig der Berg von innen ausgehöhlt wird.

Auch beim Sprengen wird experimentiert. Statt des bisherigen ammoniumnitrathaltigen Emulsionssprengstoffs kommt testweise ein wasserstoffperoxidbasierter Sprengstoff zum Einsatz. Er soll nach der Detonation weniger problematische Rückstände hinterlassen. Mehrkosten: rund eine Million Franken – bei einem Projektvolumen von rund 500 Millionen Franken, so Peggs, kaum mehr als eine Rundungsdifferenz mit grossem ökologischen Mehrwert.

Eine 160 Jahre alte Idee

Die Axenstrasse ist keine Erfindung der Gegenwart. 1862 begannen die Bauarbeiten, 1865 war die Verbindung fertig. Damals waren Pickel, Schaufel und Schwarzpulver die wichtigsten Werkzeuge. Heute fahren Grossmaschinen durch den Berg, Sensoren überwachen die komplexe Baustelle, vor Sprengungen erhält das Dorf eine SMS. Die Technik hat sich radikal verändert. Das Problem, das gelöst werden soll, ist geblieben.

Erich Planzer ist in Sisikon geboren und kennt die Geschichte des Dorfes. Er erinnert sich daran, wie er als Kind auf der Brücke stand und Autos zählte. Heute wäre das wegen des Verkehrs ein sinnloses Unterfangen. Mit der neuen Axenstrasse soll der Durchgangsverkehr künftig am Dorf vorbeifahren. In der Nähe des Bootshafens sind neue Wohnungen geplant. Sisikon könnte damit wieder stärker wachsen, statt vor allem auszuhalten, was über seine Strasse rollt.

Ganz gelöst ist das Verkehrsproblem damit allerdings nicht, so Regierungsrat Hermann Epp. In Flüelen wartet die nächste Herausforderung: Die neue Nationalstrasse führt aus dem Flüeler-Tunnel direkt auf einen Kreisel und von dort auf die Autobahn. Eine ungewöhnliche Konstellation. Gemeinsam mit dem Bundesamt für Strassen (Astra) werden deshalb Varianten für den Knoten und einen möglichen Halbanschluss untersucht. Entscheidend ist dabei nicht nur, was gebaut werden kann – sondern ob und wie das Gesamtsystem den zunehmenden Verkehr auch bewältigen wird oder das Problem allenfalls nur verschiebt.

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