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Kolumne

Seitenblick: Menschen, nichts als Menschen

Redaktor Andreas Faessler über die laute, volle Postcorona-Welt.

Kein vernünftiger Mensch würde sich die Corona-Pandemie zurückwünschen. Und doch vermisse ich den einen Aspekt jener sehr bizarren Zeit: die Abwesenheit von Menschenmassen und damit das generelle Gefühl allgemeiner Entschleunigung. Es war eine Wohltat. Als Reisen an gewisse Orte mit Einschränkungen wieder möglich waren, glaubte man vor Ort, förmlich zu fühlen, wie die Städte aufatmeten. Es gab Platz, kein Gedränge, kein Rempeln, alles war auf Abstand getrimmt, ja sensibilisiert.

Die Hoffnung auf Nachhaltigkeit dieses Segens hat sich leider schon lange zerschlagen. Aber noch nie seit Ende der Pandemie ist mir dies so schmerzlich bewusst geworden wie Ende vergangenen Jahres in Rom und Wien. Zwei der frequentiertesten Touristenhochburgen Europas, die ich selbst kenne wie meine Heimat, zeigten sich diesmal so heillos überrannt, wie ich es mir bis dahin nicht hätte vorstellen können.

Insbesondere die österreichische Hauptstadt gab im letzten Advent ein Extrembeispiel par excellence ab – so wie noch nie bei meinen geschätzten 140 Wien-Besuchen. Selbst der «Füllgrad» an der EM 2008 war eine Narretei im Vergleich. Die Menschenschlangen vor den Kaffeehäusern sind mittlerweile zwar nichts Neues mehr, auch nicht die Timeslot-gesteuerten Museumsbesuche mit dringenst empfohlener Reservation Tage voraus, der Massenandrang in den Spezialitätenläden oder die chancenlos überbuchten Wirtshäuser in Zentrumsnähe.

Neu jedoch war diese schiere Masse in ihrer gefühlten Gesamtheit, die allein durch bislang nicht gekannte klaustrophobische Anflüge auf den sonst so offenen Plätzen und Strassen greifbar war – wenn man sich praktisch nur noch von der Menge mitschieben lassen kann, in der Hoffnung, dass sie einen in die erwünschte Richtung treibt. Menschen, Menschen überall in verstörender, ungesunder Zahl.

Diese neuerliche Erfahrung steht für mich exemplarisch für das Laute, das Unruhige, das Überfordernde in der Welt, um nicht zu sagen für die Überforderung der Welt. Wieder etwas mehr Mässigung und Entspanntheit – nicht nur an Orten wie Rom oder Wien, sondern in allen Bereichen des gesellschaftlichen Alltags – würde ich mir wünschen. Ohne dass es dazu irgendeine Pandemie braucht.

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