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Luzern

Schweinegestank in Hohenrain: Probanden stärken der betroffenen Bevölkerung den Rücken

Weil es wegen der zahlreichen Schweinebetriebe in Hohenrain oft unangenehm riecht, haben die Behörden ein Geruchsprojekt lanciert. Erste Befunde bestätigen die Rückmeldungen aus der Bevölkerung.
Die Schweinehaltung bringt oft unangenehme Gerüche mit sich. (Symbolbild: Archiv LZ)
Unangenehme Gerüche trüben die Bilderbuchkulisse. Im Bild die historische Johanniterkommende im Ortsteil Hohenrain.

(Bild: Manuela Jans-Koch (Hohenrain, 6. Dezember 2018))

Reto Bieri

Reto Bieri

Der Hohenrainer Bevölkerung stinkt's. Zumindest ein Teil der rund 2500 Einwohnerinnen und Einwohner hat genug vom Geruch, den die rund 15'000 in der Gemeinde gehaltenen Schweine verströmen. Das Problem ist derart gravierend, dass die Behörden im vergangenen Jahr ein Geruchsprojekt lanciert haben.

Im Verlauf dieses Jahres hat eine spezialisierte Firma zehn ortsfremde Probandinnen und Probanden durch Hohenrain geschickt. Auf einer vordefinierten Route haben sie die Nase in die Luft gestreckt, um zu riechen, wie stark und wo genau es stinkt. Seit September sind die Untersuchungen abgeschlossen, wie den aktuellen «Hohenrainer Gemeindenachrichten» zu entnehmen ist. Dort heisst es, die Resultate der Probanden würden sich mit jenen aus einer Bevölkerungsbefragung decken. Für diese wurden 179 Fragebogen ausgewertet. Gemeinderat Fredy Winiger (SVP) sagt auf Anfrage:

«Die Resultate der neutralen Probanden zeigen, dass die Bevölkerung nicht total danebenliegt.»

Die Daten aus der Bevölkerungsumfrage, von den Begehungen durch die Probanden sowie aus den Betriebserhebungen, die im Januar 2020 von einem Spezialisten durchgeführt wurden, würden nun zusammengeführt und auf dieser Basis ein Massnahmenplan erarbeitet.

Nur: Daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen, wird eine Herausforderung, denn: «Die Landwirte haben in den vergangenen Jahren schon vieles umgesetzt. Sie haben die Futterzusammensetzung verändert, in den Ställen Luftwäscher eingebaut oder Güllesilos abgedeckt. Es hat bislang zu wenig Wirkung gezeigt», sagt Fredy Winiger.

Die schweizweit erste Gemeinde mit einem Geruchsprojekt

Der Fall Hohenrain sei komplex, da viele Betriebe betroffen sind, sagt Sibille Jenni von Agrofutura. Die Firma aus Brugg ist spezialisiert auf komplexe Fragestellungen rund ums Thema Landwirtschaft und leitet das Geruchsprojekt. Die Massnahmen müssten dort ansetzen, wo das Kosten-Nutzen-Verhältnis eine grosse Wirkung erzielt. «Auch die soziale Komponente müssen wir berücksichtigen, der Prozess ist mit vielen Emotionen verbunden.» Deshalb werde eine Agrarsoziologin miteinbezogen.

«Wir sind die erste Gemeinde in der Schweiz, die ein Geruchsprojekt umsetzt, viele Fragen sind deshalb noch offen», betont Gemeinderat Fredy Winiger. Immerhin sei das Projekt mittlerweile vom Bundesamt für Landwirtschaft als Teilbereich des Zentralschweizer Ressourcenprojekts Ammoniak und Geruch genehmigt worden. Das heisst, es wird durch den Bund und die Zentralschweizer Kantone finanziell unterstützt. Winiger hofft, dass die Kosten für die Bauern dadurch tragbar werden. Das Projekt ist auf sechs Jahre ausgelegt und wird wissenschaftlich begleitet.

Nebst der Pioniergemeinde Hohenrain werden laut Sibille Jenni in den nächsten Jahren weitere Zentralschweizer Orte ins Geruchsprojekt miteinbezogen. Sie sollen aus den Erkenntnissen von Hohenrain profitieren. Welche Gemeinden es sind, lässt Jenni offen.

Praxis für Baubewilligungen soll angepasst werden

Involviert sind laut Fredy Winiger zudem die beiden kantonalen Dienststellen Umwelt und Energie sowie Landwirtschaft und Wald. Grund: Die Resultate aus dem Geruchsprojekt sollen in die Bewilligungspraxis für neue Bauprojekte einfliessen. Neue Ställe sollen in Zukunft nicht zu nah ans Siedlungsgebiet gebaut werden. Winiger:

«Der Wind hält sich nicht an Abstandsvorschriften.»

In künftigen Baubewilligungen müssten deshalb auch meteorologische und thermische Erkenntnisse berücksichtigt werden. «Das war bisher nicht der Fall und führte zu den Konflikten, die wir jetzt haben.» Der Kantonsrat und Meisterlandwirt hat selber Erfahrung als Schweinezüchter. Den Hof führt mittlerweile sein Sohn. Da er etwas abseits liegt, sei ihr Betrieb im Ortsteil Kleinwangen vom Geruchsproblem nicht betroffen.

Im schlimmsten Fall werden Betriebe geschlossen

Nützen die Massnahmen nichts, müssen im schlimmsten Fall einzelne Betriebe geschlossen werden. Diese Möglichkeit sieht das Luftreinhaltegesetz vor. Fredy Winiger gibt sich überzeugt, dass es nicht so weit kommt. «Wir sind eine Bauerngemeinde und wollen es weiterhin bleiben. Wir wollen natürlich aber auch die private Bevölkerung konstruktiv miteinbeziehen.»

Als nächster Schritt soll eine bestehende Arbeitsgruppe erweitert werden. Dazu sucht Fredy Winiger noch zwei Privatpersonen aus den besonders betroffenen Gebieten Ferren und Landschau – letzteres ist ein Quartier im Ortsteil Hohenrain. Zwei Bauernvertreter seien bereits bestimmt worden.

«Die Probanden können die Gerüche nicht zuordnen»

Urs Isenegger ist einer von ihnen. Er ist Präsident einer Interessengemeinschaft von 18 betroffenen Hohenrainer Landwirten. Der Begehung durch die Probanden misst der Schweinezüchter aus dem Ortsteil Ferren nicht allzu viel Gewicht bei. «Die Probanden haben vielleicht eine feine Nase, aber sie können als Laien nicht zuordnen, ob der Geruch von der Schweinemast, der Schweinezucht oder aus einem Kuhstall stammt.»

Einig geht er mit Sibille Jenni und dem Gemeinderat, dass etwas unternommen werden muss. «Es braucht eine zweite Begehung, um die besonders störenden Betriebe zu eruieren.» Am Ende des Tages würden wohl nur wenige Höfe als Verursacher identifiziert. Ein Giesskannensystem, das Massnahmen für sämtliche Betriebe vorsieht, lehnt Urs Isenegger deshalb ab.

Einfache Lösungen gebe es nicht, warnt Isenegger. «Chemische Luftwäscher zum Beispiel funktionieren zwar sehr gut, enthalten aber Schwefelsäure. Es kann deshalb schnell nach faulen Eiern riechen. Zudem brauchen sie viel Strom.»

Schuld sind nicht nur die Bauern

Noch sei zudem nicht klar, wer für die Kosten aufkommt. Isenegger räumt ein, dass das Verursacherprinzip gilt. «Trotzdem muss man von Fall zu Fall schauen. Die neuen Schweineställe wurden mit rechtsgültigen Baubewilligungen erstellt. Da kann man die Schuld nicht einfach den Bauern geben.» Die Gemeinde habe es in den vergangenen 20 Jahren versäumt zu klären, wie sich Landwirtschafts- und Wohngebiete nebeneinander entwickeln sollen.

Wie Fredy Winiger hofft auch Urs Isenegger auf einen konstruktiven Dialog aller Beteiligten. «Der gegenseitige Austausch ist wichtig. Mit Reden kommt man viel weiter als mit Anwälten», sagt Isenegger.

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