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Altdorf

Wenn Prävention nicht mehr reicht: Internationaler Gipfel fordert neues Sicherheitsdenken

Moderne Sicherheitssysteme versagen nicht primär an fehlender Technologie oder unzureichenden Daten, sondern an zwischenmenschlichen Barrieren. Zu diesem Schluss kamen internationale Expertinnen am Safety 360° Summit in Altdorf.
Diskussion im Rahmen des «Safety 360° Summit» in Altdorf.
Bild: zvg

Die vom European Institute for Safe Communication (Eiscom) organisierte Konferenz «Safety 360° Summit» formulierte eine zentrale These: Sicherheitsprobleme entstehen nicht durch klassische «Kommunikationsfehler», sondern weil Kommunikation im eigentlichen Sinne häufig gar nicht stattfindet, heisst es in einer Mitteilung im Nachgang des Gipfels. Information werde ausgetauscht – doch gemeinsames Verständnis entstehe oft nicht. Dieses Muster zeige sich sektorübergreifend: im Operationssaal ebenso wie im Cockpit, in digitalen Infrastrukturen oder in sicherheitspolitischen Kontexten.

Besonders deutlich werde dieses Spannungsfeld im Gesundheitswesen. Trotz standardisierter Abläufe, klarer Protokolle und wachsender Regulierung bleibt die Fehlerwahrscheinlichkeit hoch. Studien zeigten, dass rund jeder siebte Patient von einem unerwünschten Ereignis betroffen ist – ein Wert, der sich seit Jahrzehnten kaum verbessert habe. Gleichzeitig verdeutlichten Fallanalysen ein strukturelles Problem: Selbst wenn Prozesse formal korrekt eingehalten werden, könne es zu schwerwiegenden Schäden kommen. Entscheidend sei dabei nicht allein, ob Informationen vorhanden sind, sondern ob sie von den Beteiligten gleichermassen verstanden werden. «Sicherheit entsteht nicht durch Informationsaustausch, sondern durch geteiltes Verständnis», sagte Prof. Annegret Hannawa, Präsidentin von Eiscom, gemäss Mitteilung.

Nicht die Technik, sondern der Mensch

Die Diskussionen am Summit zeigten ein wiederkehrendes Muster: Die grössten Sicherheitsrisiken liegen nicht allein in technischen Systemen, sondern in der Art und Weise, wie Menschen zusammenarbeiten. Hierarchien, mangelnde Teamarbeit und unzureichende Kommunikationskultur führten dazu, dass kritische Hinweise nicht geäussert oder nicht gehört werden. Der Summit stellt damit ein verbreitetes Paradigma infrage – den Menschen primär als Fehlerquelle zu betrachten.

Stattdessen rückte der sogenannte «Human Factor» als zentrale Sicherheitsressource in den Vordergrund. Gerade in unerwarteten Situationen, in denen Regeln an ihre Grenzen stossen, seien es Menschen, die durch Erfahrung, situatives Urteil und Zusammenarbeit Lösungen entwickeln. Sicherheit entstehe damit nicht durch die Eliminierung von Fehlern, sondern durch den kompetenten Umgang mit Fehlern.

Gleichzeitig wurde die Begrenztheit standardisierter Verfahren deutlich. Kritische Situationen zeichnen sich oft dadurch aus, dass sie nicht vollständig vorhersehbar sind. In solchen Momenten reiche Regelbefolgung allein nicht aus – entscheidend sei die Fähigkeit von Teams, unter Unsicherheit handlungsfähig zu bleiben.

Systeme lernen voneinander

Diese Herausforderungen zeigen sich in allen Bereichen, würden jedoch häufig isoliert betrachtet. Sicherheit werde nach wie vor in einzelnen Sektoren gedacht – im Gesundheitswesen, in der Luftfahrt, in der Cyberabwehr oder in der Politik. Der Summit machte deutlich, dass diese Fragmentierung selbst ein Risiko darstellt: Systeme lernen zu wenig voneinander, obwohl sie mit ähnlichen Problemen konfrontiert sind.

Zugleich erweiterte sich der Sicherheitsbegriff über technische Systeme hinaus. Beiträge aus Journalismus, Cybersicherheit und Geopolitik unterstrichen, dass Vertrauen, Informationsqualität und öffentliche Kommunikation zentrale Voraussetzungen für stabile Gesellschaften sind. Sicherheit werde damit zunehmend als soziale und kommunikative Infrastruktur verstanden.

Vor diesem Hintergrund rückte ein weiterer Begriff in den Mittelpunkt: Resilienz. An die Stelle der Vorstellung vollständiger Fehlervermeidung tritt die Fähigkeit, mit Unsicherheit umzugehen, sich anzupassen und handlungsfähig zu bleiben. Sicherheit entstehe damit nicht als statischer Zustand, sondern als kontinuierlicher Prozess.

Der Safety 360° Summit in Altdorf brachte gemäss Mitteilung führende Stimmen aus unterschiedlichen Sektoren systematisch zusammen. Ziel sei es, die gewonnenen Erkenntnisse in eine interdisziplinäre Sicherheitsagenda zu überführen, die in den kommenden Wochen veröffentlicht werde. (zvg)

Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Safety 360° Summit in Altdorf.
Bild: zvg

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