Es ist Montagabend, ich sitze auf meinem Bett und öffne Instagram. Auf meiner For-You-Seite erscheint direkt ein Video einer Influencerin, die gerade in Hawaii am Strand liegt und einen Smoothie schlürft. Ich like es und denke sehnsüchtig: «Ach, wie gern wäre ich jetzt auch dort.» Dann scrolle ich weiter und habe das Video nach zehn Minuten wieder vergessen.
Solche Abende sind weiss Gott keine Seltenheiten mehr. Nach einem langen, anstrengenden Tag sage ich mir: «Nur kurz ein paar Minuten auf Insta, um ein bisschen herunterzufahren.» Aus den vorgenommenen wenigen Minuten werden bald zwanzig, dann vierzig, eine Stunde, zwei, drei. Bis es mein gesamtes Abendprogramm ausfüllt. Und was habe ich davon? Rein gar nichts. Im Gegenteil: Ich fühle mich danach nur noch leerer.
Neulich im Zug ist es mir besonders aufgefallen. Ich hob den Blick von meinem Bildschirm und sah mich um. Alle taten genau das, was ich eben auch getan hatte: gesenkte Köpfe, unzählige Augen, die ins Handy starrten. Niemand sprach. Niemand schaute hinaus. Draussen rauschte die Welt vorbei, so echt, so lebendig. Doch niemand nahm die Schönheit wahr. Es waren eine Menge Menschen im Wagen, dennoch fühlte ich mich selten so allein wie in diesem Moment. Eine Masse aus physisch anwesenden Menschen, jeder aber in der eigenen Welt. Abgeschottet von den anderen.
Wir vergeuden so viel unserer kostbaren Zeit damit, das gefakte Leben anderer zu beneiden, dass wir vergessen, unser eigenes zu geniessen. Aber was wäre, wenn wir einfach mal stehen bleiben und den Moment in uns aufsaugen würden? Das Glitzern des Wassers im Sonnenschein, der Geschmack von Regen, das Lachen eines Fremden. Es gäbe so viel zu erleben, wenn wir uns nicht ständig in unserer elektronischen Welt verschanzen würden. Wir müssen nur hinschauen, mehr braucht es nicht. Ist das schon zu viel verlangt?
Wir leben in Reels – kurz, flüchtig, inszeniert. Doch das echte Leben ist genau hier, jetzt, ungeschönt. Es braucht keine Filter, sondern unsere Aufmerksamkeit.
Jael Schumacher ist 16 Jahre alt und Schülerin an der Kantonsschule Sursee. In der U20-Kolumne äussern sich jeweils alle zwei Wochen Lernende von Kantonsschulen zu einem frei gewählten Thema. Ihre Meinung muss nicht mit derjenigen der Redaktion übereinstimmen.


Kommentare
Bitte beachten Sie unsere Richtlinien, die Kommentare werden von uns moderiert.
Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare geschrieben.