Kinderbetreuung

Geborgenheit und Liebe schenken – Pflegefamilien gesucht

Die Fachstelle Kinderbetreuung zeigt in allen sechs Kantonen der Zentralschweiz einen rund 20-minütigen Film über ein Kind aus einem instabilen Umfeld, das in einer Pflegefamilie aufwächst. Eine Dokumentarfilmerin begleitet die Familie über 15 Jahre.

Mucksmäuschenstill ist es im Saal des Winkel-Mehrzweckgebäude am vergangenen Donnerstag, nachdem der letzte Satz des Protagonisten des Kurzfilms «Aufwachsen in einer Pflegefamilie» der Regisseurin Ursula Brunner verklungen war: «…so einem Kind die Chance zu geben, in stabilen Verhältnissen zu den Eltern aufzuwachsen, Liebe zu bekommen und die Chance zu haben, etwas aus seinem Leben zu machen – wie ich.» Dominik lächelt.

Er weiss, was es heisst, wenn sich die leiblichen Eltern nicht kümmern können. Er wächst seit seinem achten Lebensjahr in einer Pflegefamilie auf. Mit 15 Jahren sagt er in die Kamera, dass er während seiner Lehrzeit noch gerne bleiben würde, «… wenn ich noch willkommen bin.» Dieser Halbsatz fährt ein. Er impliziert, dass das Zusammenleben für alle Beteiligten wohl nicht immer Friede, Freude, Eierkuchen war. Dies spiegelt sich auch im Untertitel «Durä häbä, starch bliibä» wider. Heute ist er Polier und stolzer Vater einer kleinen Tochter.

Angespannte Situation

«Wir haben diesen Film in Auftrag gegeben und gehen mit ihm auf Tour, weil sich immer weniger Menschen dazu entschliessen können, Pflegekinder aufzunehmen», erklärt Franziska Beer, Geschäftsleiterin der Fachstelle für Kinderbetreuung mit Sitz in Kriens. Die Anzahl der Pflegefamilien habe seit Corona einen massiven Einbruch erlitten, von dem sie sich auch nicht mehr erholt hätte.

Demgegenüber steht der steigende Bedarf an Familien, die einem Kind ein stabiles Umfeld bieten könnten. «Wir befürchten, dass das Modell ‹Pflegefamilie› ausstirbt», bedauert die Sozialarbeiterin und Sozialpädagogin. Sie vermutet, dass sich die Lebensrealität stark verändert hat in einen streng durchgetakteten Rhythmus, in dem es schwieriger geworden ist, ein Pflegekind zu integrieren. «Wir verlangen auch einiges. Werdende Pflegeeltern besuchen eine interne Ausbildung, sie begleiten manchmal den Kontakt mit den leiblichen Eltern. Und es handelt sich hier um Kinder, die traumatisiert sind, nicht um Kinder, die einfach so im Alltag mitlaufen», erklärt sie.

Chancen schenken

Im Podiumsgespräch nach der Filmvorführung stellen sich ein ehemaliges Pflegekind, Vanessa Tairi, das Urner Pflegeelternpaar Helen und Konrad Arnold, Gesundheits-, Sozial- und Umweltdirektor im Kanton Uri, Christian Arnold, sowie Regisseurin Ursula Brunner den Fragen von Moderator Andy Wolf.

Vanessa Tairi ist im Alter von zwei bis fünf Jahren in der einen Pflegefamilie und später zwölf Jahre lang in einer anderen Pflegefamilie gewesen. Sie kann sich vor allem in der Pubertätszeit mit Dominik aus dem Film identifizieren. Das Aufbegehren gegen die Pflegeeltern war auch bei ihr heftig. Am Ende sei sie dankbar, dass sie die Möglichkeit hatte, in einem stabilen Umfeld gross geworden zu sein. Die ausgebildete Fachkraft steht heute gefestigt im Leben.

Helen und Konrad Arnold, die einen eigenen achtjährigen Sohn haben, betreuten von April bis August eine Pflegetochter im Babyalter, die nun wieder in der Obhut ihrer leiblichen Mutter ist. Seit kurzer Zeit lebt ein kleiner Junge, auch ein Baby, in ihrer Familie. Beides sind notfallmässige Anfragen gewesen. «Spontan sein, heisst hier die Devise», sagt Konrad mit einem Lachen. «Und offen mit den eigenen Kindern kommunizieren», ergänzt Helen.

Beiden ist es eine Herzensangelegenheit, einem Kind die Geborgenheit und Zuwendung einer Familie zu geben. «Wir fühlen uns sehr gut von der Fachstelle begleitet. Wir können uns mit jedem Anliegen an sie wenden und bekommen jede Hilfe, die wir benötigen», schwärmen die jungen Pflegeeltern, die vom Verein angestellt sind.

Ideale Rahmenbedingungen schaffen

Im Kanton Uri ist im Amt für Soziales Sozialpädagogin Alice Arnold für die jährlichen Aufsichtsbesuche bei den derzeit bestehenden 30 bis 35 Pflegefamilien und die Berichte darüber zuständig. Nadine Arnold kümmert sich um die Ausstellung der Jahresbewilligungen, damit die Pflegefamilienkonstellation bestehen bleiben kann. Sie arbeiten eng mit der Fachstelle Kinderbetreuung zusammen.

Als Dominik aus dem Film nach seiner Ausbildung auszieht, hofft er, dass seine Pflegeeltern auch dann noch für ihn da sind «… oder ich für sie im Alter».

www.fachstellekinder.ch

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