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Interview zum Jahresbeginn

«‹Behindert› klingt einfach veraltet»: Chris Etter von der Zuwebe freut sich auf ein sportliches Highlight im Kanton Zug

Der 30-Jährige ist Ende Mai als Fussballer bei den National Summer Games in Zug mit von der Partie. Er sieht das Grossereignis als Chance für mehr Inklusion.
Chris Etter (links) mit seinem Betreuer Chris Müller in der Mechanik-Werkstatt der Zuwebe im Bösch.
Bild: Matthias Jurt (Hünenberg, 18. 12. 2025)

Es geht äusserst geschäftig zu und her in der Mechanik-Werkstatt der Stiftung Zuwebe (Eigenschreibweise: zuwebe) für Menschen mit einer Lernschwäche, geistigen Behinderung und psychischen Beeinträchtigung. Als unsere Zeitung im Hünenberger Bösch zu Besuch ist, steht die Festtagspause kurz bevor – die letzten Arbeiten wollen pünktlich abgeschlossen sein.

Mittendrin ist der 30-jährige Chris Etter. An der computergesteuerten Fräse ist er genauso im Element wie auf dem Fussballplatz. Etter und sein Team, das auf Klubebene zu Zug 94 gehört, werden den Kanton Zug an den National Summer Games (im Folgenden «National Games» genannt) im kommenden Mai vertreten. Der Zuger verlässt die Fräse gern für ein paar Minuten, um davon zu erzählen. Mit dabei ist sein Zuwebe-Betreuer Chris Müller.

Im Zusammenhang mit den National Games wird von «Beeinträchtigtensport» oder «Behindertensport» geschrieben und gesprochen. Was halten Sie von diesen Begriffen?

Chris Etter: Für mich ist es manchmal etwas mysteriös mit diesen Wörtern. Es kommt mir vor, als ob sie für einen Machtkampf verwendet würden. Ich persönlich finde «beeinträchtigt» angenehmer, weil es moderner ist, «behindert» klingt einfach veraltet. In jedem Fall ist es wichtig, dass keiner der Begriffe als Fluchwort gebraucht wird.

Hat die Vorbereitung auf die National Games schon begonnen?

Wir haben bis jetzt wie üblich einmal pro Woche trainiert. Bald bestreiten wir ein Heimturnier in der Zuger Kanti, wo wir uns gezielt auf den Mai vorbereiten können.

Chris Etter (links) im Trikot von Zug 94.
Bild: zvg

Wie sehen Sie den National Games in Zug entgegen?

Das ist natürlich eine grosse Sache. Ich bin hier zu Hause, habe meine Familie und Freunde hier – mein ganzes Umfeld. Ich bin sehr stolz, bei diesem Grossanlass antreten zu können.

Welches Ziel verfolgt das Team?

Wir sind heiss auf die Spiele – oder sagen wir es professioneller: Wir sind topmotiviert (lacht). Wir wollen Zug zeigen, was wir draufhaben. Wahrscheinlich werden wir zwei Mannschaften stellen, da wir sehr viele Leute sind.

Wie lautet Ihr persönliches Ziel?

Der Anlass soll nachhaltig sein bezüglich der Inklusion, unser Sport soll in der Gesellschaft stärker verankert sein und sichtbarer werden. Für manche Menschen sind wir einfach Leute, die im Heim leben und die man kaum je zu Gesicht bekommt. Nun geht die Entwicklung in eine andere, in die richtige Richtung. Die National Games sind ein Teil davon.

Seit September 2023 gehört das Team Zuwebe als «Special Team» zum Fussballklub Zug 94. Hat ihre Mannschaft dadurch mehr Beachtung erhalten?

Sicherlich. Zug 94 ist – neben dem EVZ – eine bekannte Marke und der wichtigste Fussballklub in der Stadt Zug. Diese Bekanntheit strahlt auch auf unser Team ab.

Welche Positionen spielen Sie?

Ich bin Allrounder, spiele überall – ausser im Tor. Ursprünglich war ich Stürmer, nun werde ich meistens als Verteidiger eingesetzt oder kümmere mich im Mittelfeld um das Umschaltspiel; mir gefällt alles. Meine Mitarbeiter Alex und Luan gehören ebenfalls zu unserer Mannschaft. Mit ihnen kann ich mich austauschen.

Wie gelingt es Ihnen, Arbeit und Sport unter einen Hut zu bringen?

Das ist kein Problem; die beiden Sachen gehen gut aneinander vorbei.

Chris Etter arbeitet gern an der Fräse.
Bild: Matthias Jurt (Hünenberg, 18. 12. 2025)

Chris Müller, kommt die Zuwebe den Sportlerinnen und Sportlern entgegen?

Selbstverständlich. Aber da die meisten nicht in einem 100-Prozent-Pensum arbeiten, bleibt ohnehin genügend Zeit für den Sport. Chris Etter beginnt früh am Morgen, sodass er um 16 Uhr in Richtung Training aufbrechen kann und seine Arbeitszeit dann bereits geleistet hat. Wir unterstützen ihn natürlich auch in seiner Rolle als Botschafter für die National Games, indem eine Betreuungsperson seine Termine koordiniert und ihn zu diesen begleitet. Dieses Engagement sowie die Teilnahme an den Wettkämpfen im Mai behandeln wir als Arbeitszeit.

Chris Etter, welche Aufgaben haben Sie als Botschafter?

Verschiedene Medientermine, beispielsweise dieses Interview hier. Zum Beispiel war ich auch Teil eines Podcasts, dies mit meinem Freund Orly Nimi, der bei den National Games schwimmt. Ausserdem gibt es Treffen mit dem Organisationskomitee, wo ich mich als Athlet einbringen kann.

Was bedeutet Ihnen diese Rolle?

Teil der Organisation zu sein und als Athlet Inputs geben zu können, ist mega. Bei der Sonderschau an der Zuger Messe konnte ich zudem am Stand mitarbeiten und Fragen beantworten – das war spannend.

Welche Inputs brachten Sie in der Organisation ein?

Die Wege zwischen den Sport- und Verpflegungsstätten müssen kurz sein. Andernfalls muss man das Essen fast runterschlingen, um rechtzeitig wieder auf dem Platz zu stehen – das ist nicht gut. In Berlin habe ich erlebt, dass das ein ganz wichtiger Punkt ist.

Das war 2023, als Sie Teil der Schweizer Delegation bei den Special Olympics waren.

Genau. Das war eine Riesensache; daran erinnere ich mich immer wieder gern.

Welche Bilder sind Ihnen davon geblieben?

Der Einlauf ins Olympiastadion mit dem grossen Feuerwerk. Es ist der Traum jedes Fussballers, das zu erleben. Für mich ist er wahr geworden. Ebenfalls gern erinnere ich mich an das Spiel gegen die erste Mannschaft Deutschlands. Eigentlich hätten wir von der Stärke her gegen die zweite spielen sollen, aber ich war froh, dass wir auf das stärkere Team trafen. Wir verloren zwar hoch, aber es war toll, dieses Derby bestreiten zu können – gerade für mich mit meinen deutschen Wurzeln. Das Spiel wurde in einem Livestream übertragen, danach wurde ich von einigen Leuten auf dieses Spiel angesprochen.

Haben Sie sich in Berlin mit anderen Sportlern ausgetauscht?

Ja, es war sehr interessant, mit anderen Athleten zu sprechen. So habe ich mich beispielsweise mit den Basketballern von Vevey gut verstanden – obwohl ich kein Französisch spreche (lacht). Ich freue mich darauf, in Zug wieder auf einige Bekannte zu treffen und die Gemeinschaft zu pflegen.

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