Brigitt Flüeler war die erste Frau, die das Präsidium des Historischen Vereins Nidwalden (HVN) innehatte. Das grosse Finale ihrer neunjährigen Zeit als Präsidentin war die Herausgabe des Buches «Gegen das Vergessen». Massgeblich ihrer Initiative und ihrer verlegerischen Begleitung war es zu verdanken, dass dieses düstere Kapitel, bei dem Hunderte von Menschen von der Fürsorgebürokratie entmündigt wurden, von zwei Historikerinnen ausgeleuchtet wurde. Bei der Jahresversammlung des HVN in Stans betonte Historikerin Karin Schleifer, dass es die Hartnäckigkeit von Flüeler brauchte, um solche Projekte möglich zu machen.
Es passt ganz gut, dass sich die studierte Historikerin Flüeler zum Abschied dem Thema von eingewanderten Italienerinnen und Italienern widmete, ebenfalls ein weisser Fleck in der Nidwaldner Geschichtsschreibung. Überraschend: Um 1960 verzeichnet die Statistik 3.200 Migranten, was fast 14 Prozent der damaligen Bevölkerung ausmachte. Nur wie die meist aus Italien Zugewanderten das soziale und wirtschaftliche Leben des Kantons prägten, sei bisher nirgendwo systematisch aufgeschrieben worden, so Flüeler. In ihrem Referat zeigte sie auf, wie eng die Migrationsgeschichte mit der Modernisierung des Kantons verknüpft ist. Vom Bau der Bürgenstock-Hotels bis zum Autobahnbau waren italienische Arbeitskräfte am Werk.
Geschichte lebendig moderiert
Die langjährige SRF-Radiojournalistin hat nicht nur bei der Präsentation des Buches «Gegen das Vergessen» ihre Stärke als Moderatorin ausgespielt. Auch an diesem Abend im Gespräch mit vier italienischstämmigen Gästen bewies sie, wie mit Zeitzeugengesprächen Geschichte lebendig werden kann. Dass das Schimpfwort «Tschingg» noch heute die Zugewanderten aufwühlt, dokumentierten Vito Bombarda, Natalia Darwich-Bianchet, Petra Müller und Barbara Waser-Sestil mit ihren Erzählungen eindrücklich. Später merkte Regierungsrätin Therese Rotzer in ihrer Dankesbotschaft an die scheidende Präsidentin an, dass es Flüelers besondere Begabung sei, historische Begebenheiten den Menschen ins Herz pflanzen zu können.
Auf die Radiojournalistin im Präsidium folgt nun ein Printjournalist. Simon Mathis, Kulturwissenschaftler und Redaktor bei der Luzerner Zeitung, übernimmt als bisheriges HVN-Vorstandsmitglied die leitende Funktion. Lukas Kunz wiederum, studierter Historiker und Kommunikationsfachmann bei der Sicherheitsdirektion Zug, wird als neues Mitglied den Vorstand ergänzen. Er ist wie Mathis in Wolfenschiessen aufgewachsen, wenn auch beide mittlerweile in Luzern wohnen. Wolfenschiessen ist zusammen mit dem Historiker Christoph Baumgartner die neue Dominante im HVN. Dazu passt, dass Baumgartner am Montag, 16. Juni, Interessierte mit Wolfenschiesser Geschichten von Adeligen und Hollywood-Stars unterhält und zum Umtrunk in die Event-Brauerei «Äigäbraij» lädt.

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