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Obwalden

Nach Abschaffung der Hausaufgaben: Schule Lungern zieht positives Fazit

Seit dem letzten Sommer arbeitet die Schule in Lungern auf der Primarstufe ohne Hausaufgaben. Sie setzt stattdessen auf eine individuelle Lernzeit in der Schule. Viele sind davon überzeugt, es gibt aber auch Kritiker.
Vom «Lernzeitgestell» holen die Primarschüler in Lungern ihre Aufgaben für die individuelle Lernzeit. (Bild: PD)

Florian Pfister

Ein ereignisreiches Schuljahr geht zu Ende. Besonders der Fernunterricht auf Grund des Coronavirus war eine grosse Herausforderung. Für die Primarschülerinnen und Primarschüler in Lungern war es nicht nur deswegen ein besonderes Jahr. Denn im letztem August hat die Schulleitung das konventionelle Modell der Hausaufgaben abgeschafft. Die Primarschüler haben in der Schule Zeit, an ihren Aufträgen zu arbeiten.

In der sogenannten «Iisi Lernziit» verfügen die Schülerinnen und Schüler über 30 Minuten, die sie für die Hausaufgaben nutzen können. Sie erhalten Pflichtaufgaben, die sie während dieser Zeit lösen müssen. Auch freiwillige Aufträge stehen zur Verfügung. Die Lehrperson kann dabei im Gegensatz zu den herkömmlichen Hausaufgaben den Schülerinnen und Schülern helfen. Zu Beginn der Woche strukturieren die Schüler ihre Aufgaben und besprechen die Planung im Nachhinein mit der Lehrperson. Zum Lernen auf Prüfungen müssen sich die Schüler aber weiterhin zu Hause Zeit nehmen. Sie haben in der fünften und sechsten Klasse, aber auch in der Lernzeit, die Möglichkeit, gemeinsam auf Prüfungen zu lernen.

Melanie Gasser, Mitglied der Schulleitung Lungern, zieht eine positive Bilanz. «Nicht nur bei den Lehrpersonen sondern auch bei einem grossen Teil der Eltern ist das neue Modell gut angekommen. Die Kinder freuen sich sowieso darüber», sagt sie. «Uns ist das erste Schuljahr gelungen, auch weil wir hin und wieder kleinere Anpassungen vorgenommen hatten.» So gibt es viele Rückmeldungen von zu Hause, dass die Kinder viel gefestigter als zuvor seien. Melanie Gasser meint:

«Die Eltern werden entlastet, was auch richtig ist. Es ist Sache der Schule, den Kindern bei den Aufgaben zu helfen.»

Chancengleichheit steht im Mittelpunkt

Das Modell findet viel Zuspruch, stösst aber auch auf Gegenstimmen. «Es gibt wenige Eltern, die sich kritisch äussern», erklärt Melanie Gasser. «Gewisse Eltern beschweren sich, dass sie sich vermehrt um die Freizeit der Kinder kümmern müssen. Zwischen Schulschluss und Training müssen sie nun anders beschäftigt werden», so Gasser. Weitere Eltern seien der Auffassung, die Kinder lernten durch das neue System weniger, andere sehen einen Mehrwert.

Laut Melanie Gasser ist die Lehrerschaft in Lungern der Meinung, dass die Kinder mindestens auf dem gleichen Stand wie mit konventionellen Hausaufgaben und teilweise sogar noch weiter seien. Die individuelle Lernzeit konnte ohne Verlängerung des Schultags eingeführt werden. Die Zeit wurde durch das Weglassen der Erklärung und Besprechung der Hausaufgaben im normalen Unterricht gewonnen.

Besonders im Vordergrund beim Modell der individuellen Lernzeit ist die Chancengleichheit. Wie die Coronakrise aufgezeigt hat, findet nicht jedes Kind zu Hause die gleichen Bedingungen vor. Deswegen war die kurzfristige Umstellung ins Homeschooling ein kleineres Problem als für andere Schulen. Gasser erklärt: «Es war einfacher, den Fernunterricht zu planen. Die Erfahrung mit der individuellen Lernzeit hat das Erledigen der Hausaufgaben erleichtert.» Durch das neue System lernen die Schüler zu planen. Auch in Hinsicht auf den Lehrplan 21 sei das Modell von Vorteil. «Einige Kompetenzen des Lehrplans 21 werden durch die individuelle Stunde abgedeckt», sagt Gasser.

Für sie ist zentral, dass die Eltern so gut wie möglich informiert sind. Einmal pro Woche gibt es den sogenannten Schultaschentag. Die Kinder nehmen alle Aufgaben nach Hause und zeigen sie den Eltern. Mit regelmässigen Briefen werden diese zudem über die Inhalte und Pläne informiert.

Fünft- und Sechstklässler haben die Situation unterschätzt

Besonders herausfordernd war die Umstellung für die Fünft- und Sechstklässler, da diese am meisten an das herkömmliche Modell der Hausaufgaben gewöhnt waren. «Für sie war es am schwierigsten, obwohl sie die Ältesten sind. Sie haben die Situation unterschätzt und es auf die leichte Schulter genommen. Am Anfang plauderten sie oft mit ihren Kameraden», erzählt Melanie Gasser und fügt an:

«Doch auch sie konnten sich einarbeiten.»

Das Modell der individuellen Lernzeit stösst auf Interesse – auch bei weiteren Schulen im Kanton Obwalden. Lungern selbst nahm sich die Schule in Kriens als Vorbild, die im Sommer 2018 die herkömmlichen Hausaufgaben auf der Primarstufe gestrichen hatte. In der Oberstufe hat Lungern bereits seit zwei Jahren ein ähnliches Modell, in dem die Schüler einen halben Tag für Hausaufgaben, Projekte und die Abschlussarbeit zur Verfügung haben.

Das Ziel für das nächste Schuljahr ist die Vereinheitlichung vom Kindergarten bis zur sechsten Klasse. So sollen beispielsweise die Fächer im sogenannten Lernzeitgestell, wo die Aufgaben aufliegen, in allen Stufen die gleichen Farben tragen.

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