Welches ist der grösste und wichtigste gesellschaftliche Anlass in der Stadt Luzern? Heute denkt man natürlich zuerst an die Fasnacht – allenfalls auch an Stadtfest oder Stadtlauf, die jeweils Zehntausende Besucherinnen und Besucher nach Luzern locken. Im Mittelalter war die «Nummer eins» ein kirchliches Fest: Zum «Musegger Umgang» reisten jedes Jahr im Frühling Tausende Pilger nach Luzern. Deren Zahl überstieg jeweils die Bevölkerungszahl der Stadt bei Weitem.
Der Musegger Umgang war nicht nur ein riesiges Volksfest, sondern vor allem eine Prozession von grossem religiösem Wert. Mit der Teilnahme konnte man sich nämlich von seinen Sünden reinwaschen. Im Jahr 1476 verfügte der Papst, dass die Teilnahme an der Luzerner Prozession denselben Ablasswert hat wie eine Pilgerreise nach Rom.
Die Provokation der reformierten Predigt
Die Prozession mit Monstranz und Reliquien startete jeweils bei der Hofkirche und führte über Kleinstadt und Nölliturm hinauf auf den Musegghügel. Dort hielt ein jährlich wechselnder Gastprediger die Festpredigt, bevor es wieder zurück zur Hofkirche ging.
Im Jahr 1522 kam es dabei zu einem denkwürdigen Ereignis, das für die Luzerner Geschichte höchst bedeutsam ist: Zum Musegger Umgang am 24. März wurde der Zürcher Geistliche Konrad Schmid eingeladen. Dies zu einem Zeitpunkt, in dem die Reformation in Zürich in vollem Gange war und kurz vor ihrem definitiven Durchbruch stand. Auch Konrad Schmid war reformatorisch gesinnt und mit Zwingli befreundet. Was er an jenem Tag auf dem Luzerner Musegghügel predigte, versetzte Kirche und Politik in Aufruhr: Schmid erklärte, dass nicht die kirchlichen Würdenträger, sondern die Bibel die einzige wahre Autorität sei. Er kritisierte die Heiligenverehrung und den Papst und fasste die wichtigsten Grundsätze der lutherischen Lehre zusammen.
Dass Konrad Schmid überhaupt eingeladen wurde, zeigte, dass in dieser Zeit in Luzern eine gewisse Offenheit und wohl auch Neugier gegenüber der neuen Lehre bestand. Dabei passt ins Bild, dass bereits ein Jahr zuvor, 1521, ein Prediger mit reformatorischer Gesinnung zum Musegger Umgang eingeladen wurde: der Zuger Chorherr Werner Steiner. Was Steiner genau gepredigt hat, weiss man nicht – vermutlich warf sein Auftritt aber keine grösseren Wellen. Ganz im Gegensatz zu Konrad Schmid, dessen Predigt für das kirchliche und politische Establishment Luzerns eine riesige Provokation darstellte.
Kirche und Obrigkeit setzten in der Folge alles daran, um ein weiteres Aufkeimen der Reformation in Luzern zu unterbinden. Schon zwei Jahre später fielen die Würfel definitiv zugunsten des alten Glaubens – 1524 wurde dies zusammen mit den übrigen Zentralschweizer Kantonen schriftlich festgehalten.
500 Jahre später sind wieder Reformierte dabei
Erst 500 Jahre nach Konrad Schmids denkwürdiger Predigt wehte erstmals wieder etwas reformatorischer Geist auf dem Musegghügel: Zum Jubiläum wurde der Musegger Umgang erstmals in ökumenischer Form, in Anwesenheit eines reformierten Pfarrers, durchgeführt.
Damit konnte der Bedeutungsverlust dieses einst wichtigsten Fests in Luzern aber nicht aufgehalten werden. Die ursprüngliche Opulenz einer katholischen Prozession war längst einem schlichten Pilgerspaziergang gewichen, dessen Strecke zudem stark gekürzt wurde: Statt der traditionellen Stadtumrundung ab Hofkirche und zurück bestand der Musegger Umgang zuletzt nur noch aus einem Fussmarsch von der Museggkapelle zur Kirche St. Karl, wo anschliessend ein Gottesdienst gefeiert wurde.
Gibt es eine Neuauflage in neuer Form?
Am vergangenen 3. Mai 2026 fand der Musegger Umgang nun zum letzten Mal statt. Die Katholische Kirche Stadt Luzern hat entschieden, den Anlass künftig nicht mehr durchzuführen. Grund sei der kontinuierliche Rückgang der Teilnehmenden. Zuletzt waren es noch etwa drei Dutzend Personen, die dem Traditionsanlass die Treue hielten.
Claudia Jaun, Seelsorgerin in der Pfarrei St. Karl, sagt: «Traditionen und Formen veränderten sich immer schon im Laufe der Zeit, auch die Kirche verändert und entwickelt sich kontinuierlich.» Deshalb finde der Musegger Umgang in der bisherigen Form «vorläufig zum letzten Mal» statt. Es ist also kein endgültiges Ende – es ist theoretisch möglich, dass die Tradition dereinst in einer neuen Form wieder auflebt. Claudia Jaun: «Falls sich eine Gruppe von Menschen engagieren möchte und das Bedürfnis nach einer neuen Form besteht, können sie sich gerne bei uns melden.»




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