Zug

Mit Bart gekommen, mit Bart abgetreten: Ein Arbeitsleben lang für die Zuger Jugendkultur

33 Jahre führte er die Geschäfte des Vereins Zuger Jugendtreffpunkte. Rolf Kalchofner überlässt nun das Feld einer neuen Generation.
Rolf Kalchofner hat 33 Jahre lang Jugendkultur in der Stadt Zug miterlebt und mitgestaltet. 
(Bild: Maria Schmid (Zug, 17. Juli 2020))

Zoe Gwerder

Er wirkt wie ein Althippie, wie er im Buche steht. Ein hagerer Mann mit langem Bart und vielen Falten im Gesicht – der sich nicht um gängige Konventionen schert. Doch der erste Blick täuscht, zumindest bezüglich seiner Gesichtsfrisur: Den Bart hat Rolf Kalchofner erst vor rund einem Jahr wieder so richtig wachsen lassen. «Ich wollte diesbezüglich meine Arbeit so verlassen, wie ich sie 1987 angetreten hatte – und das war mit langem Bart.» Kalchofner hat 33 Jahre Jugendkultur in der Stadt Zug miterlebt und mitgestaltet. Zu Beginn als Mitarbeiter im Jugendtreffpunkt i 45 – damals Jugi genannt – sowie im Ausschuss der Jugendbeiz Chaotikum. Im Zuger Volksmund als «Chaos» bekannt. Die Beiz konnte nur dank Kalchofners Vorgeschichte eine Bewilligung der Stadt erhalten. Vor seiner Zeit im Verein war er Lehrer und angehender Germanist. Er brach sein Studium ab und ging in einer Genossenschaftsbeiz Kochen. Eine Beiz, wo auch Kultur stattfand und Kalchofner die Freude am Veranstalten entdeckte. Eine Beiz, für welche er das Wirtepatent machte.

So kam es, dass, als Jugendliche eine Jugendbeiz forderten und die Stadt den Verein Zuger Jugendtreffpunkte als Trägerverein für ein Lokal dieser Art anfragte, Kalchofners Patent ausschlaggebend war. Denn die Bewilligung der Stadt für eine solche Beiz war an das Wirtepatent gebunden. So konnte der Verein 1990 das «Chaos» eröffnen.

Sein Engagement in der eigenen Familie, wo er schon damals Teilzeit zu seinen zwei Kindern schaute, und jenes im Jugi, welches ihn hauptsächlich in der Nacht beanspruchte, waren jedoch bald eine Herausforderung. Gleichzeitig kam auch der ehrenamtlich geführte Verein durch den zusätzlichen Aufwand mit dem «Chaos» an seine Grenzen. So wurde Anfang der 90er-Jahre die Stelle als Sekretär angedacht und Kalchofner für deren Besetzung angefragt. «Ich war froh, zwar noch für die Jugendlichen zu arbeiten, aber nicht mehr an der Front zu sein.»

Trotzdem erlebte Kalchofner über alle Jahre hinweg, was die Jugendlichen beschäftigt – wo der Schuh drückt. «Allgemein sind sie braver geworden», beschreibt er seine Sicht der Entwicklung. «Das meine ich aber nicht nur negativ.» Doch die globale Entwicklung verunsichere die jungen Erwachsenen heute stark.

Alkoholleichen trotz Ausschankverbot

Ein grosser Wandel habe es in der Gesellschaft gegeben. So hätten sie lange dafür kämpfen müssen, eine Ausschankbewilligung für alkoholische Getränke zu erhalten. «Die Jugendlichen brachten ihren Alkohol auch ohne Bewilligung mit und versteckten diesen draussen», erzählt Kalchofner. «So hatten wir oft den Raum voller betrunkener Jugendlicher, ohne einen Tropfen Alkohol ausgeschenkt zu haben.» Problematisch sei dies insbesondere im Winter gewesen. Wenn die Jugendlichen vom mitgebrachten Schnaps mehr als nur einen Schluck in der Kälte tranken, und später in der Wärme zusammenbrachen. «Als wir dann endlich Alkohol ausschenken durften, hatten wir auch die Möglichkeit, Jugendliche, die schon etwas zu viel hatten, zu einem Mineral oder dem Weg ins Bett zu raten.»

Auch in der Politik habe es einen Wandel gegeben. «Während wir früher als ‹linke Geschichte› bezeichnet wurden, ist unsere Arbeit in den vergangenen Jahren immer besser akzeptiert und geschätzt worden.» Auch wenn man nicht immer das mache, was die Politik von einem wolle. «Wir standen und stehen noch heute anwaltschaftlich für die Jugendlichen ein – vertreten deren Werte und Ideen.»

Vision einer kantonalen Zusammenarbeit

Kalchofner hätte in seiner Zeit beim Verein Zuger Jungendtreffpunkte gerne noch mehr zusammengeführt. Eine Jugendarbeit über den ganzen Kanton hinweg schwebte ihm vor. «Erste Gespräche mit den Gemeinden zeigte aber schnell, dass mir hier der Föderalismus ein Bein stellt.»

Nun, nach 33 Jahren, verlässt der Geschäftsführer den Verein und lässt sich früh pensionieren. Der dreifache Grossvater, der sein Handy – kein Smartphone – nur für Notfälle bei sich hat, übergab die Leitung der Geschäftsstelle Ende Juni seinem ehemaligen Mitarbeiter Benny Räber. Dieser ist rund dreissig Jahre jünger und wurde unter mehreren Dutzend Bewerbern vom Verein auserwählt, um nun die Administration des wiederum leicht neu strukturierten Vereins zu leiten.

In den aktuell turbulenten Coronazeiten ist Kalchofner froh, das Steuer seinem Nachfolger übergeben zu können. «Soziokultur während dieser Pandemie zu betreiben, ist eine grosse Herausforderung.» Denn Nähe zu gestalten, in Zeiten des Abstandes und Einschränkungen benötige einige neue Ideen. Ideen, welche sich Kalchofner nun lieber für seinen eigenen, neuen Lebensabschnitt ausdenkt.

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