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Uri

Mit 14 aus dem Iran geflüchtet – heute träumt Mohammad Jawad Alizadeh von einer eigenen Autowerkstatt

Sie leben schon im Iran als Geflüchtete unter dem Radar. Afghanen fristen ihr Leben ohne Arbeit und ohne Perspektive. Ein junger Afghane bricht aus dieser Hoffnungslosigkeit aus und nimmt seine Zukunft in Uri selbst in die Hand.

Zugegeben: 14-Jährige in der Schweiz haben es auch nicht immer leicht. Sie stecken mitten in der Pubertät, der Alltag wird durch Schule, Berufsentscheidung sowie Ausbildungsplatz-Suche bestimmt und eventuell ist die Familiensituation aus den verschiedensten Gründen auch nicht immer harmonisch. Aber würden sie abhauen? Also, nicht nur zum Gspändli, nicht zur Verwandtschaft in der Nachbarschaft, das nächste Dorf, die nächste Stadt, einen anderen Kanton, sondern in ein anderes Land? Tausende Kilometer weit von den Eltern, der Sozialisationsumgebung entfernt? Eher nicht. Wie gross muss der Leidensdruck sein, wenn ein 14-Jähriger beschliesst, einen Rucksack mit Essen, Getränken, Kleidung, Medikamenten und etwas Geld zu füllen und zu gehen?

Mohammad Jawad Alizadeh träumt von einer eigenen Autowerkstatt.
Bild: Claudia Naujoks

Er packt sein Leben an

«Ich wollte eigentlich kein Interview geben, ich wollte nicht darüber sprechen», sagt Mohammad Jawad Alizadeh, genannt Jawad, der an einem warmen Tag im Juli seinen 20. Geburtstag feiert. «Ich spiele in meiner Freizeit Fussball, dadurch kenne ich auch viele Schweizer, wir feiern heute Abend alle zusammen in meinem WG-Zimmer», freut er sich sichtlich. Zu diesem Zeitpunkt im Interview, an dem es um seinen Aufenthalt in der Schweiz geht, ist er aufgetaut. Mit leuchtenden Augen sprudelt es aus ihm heraus, in einem erstaunlichen Deutsch, wenn man bedenkt, dass er zu diesem Zeitpunkt erst dreieinhalb Jahre in der Schweiz lebt. Darüber hinaus kommt er aus einem persischen Sprachgebiet, also aus einem völlig anderen Alphabet.

Belastende Erinnerung an die Flucht

Weit zurückhaltender und stockender verläuft das Gespräch, als er von der Flucht berichtet. Satz für Satz, mühsam kommen ihm die Wörter über die Lippen. Der junge Mann ist eines von sechs Kindern von in den Iran geflüchteten Afghanen. Die ganze Familie hat im Iran keine Aufenthaltsgenehmigung, deshalb dürfen sie auch nicht arbeiten. Neben der Schule, die er sieben Jahre besucht, verdient Jawad schwarz Geld durch Gelegenheitsjobs. Wegen Perspektivlosigkeit und tiefgehender Meinungsverschiedenheiten zwischen ihm und seinen Eltern entschliesst er sich zu dem Schritt: Eines Tages macht sich der damals 14-Jährige zu Fuss auf den Weg in Richtung Türkei, überquert die Grenze, reist weiter mit Bus und Boot nach Griechenland, wo er ein halbes Jahr bleibt.

Wie für viele andere dort gibt es auch für ihn keine Möglichkeit, die Schule zu besuchen und die Sprache zu lernen. Er hat Glück: Weil er unter 18 Jahre alt ist, darf er mit dem Flugzeug nach Zürich fliegen. Nach einem zweitägigen Aufenthalt in Zürich und vier Monaten in Chiasso im Asylzentrum erhält er den Aufenthaltsstatus F und wird in den Kanton Uri geschickt. Innerhalb von dreieinhalb Jahren lernt er Deutsch, durchläuft in der Zeit alle integrativen Bildungsangebote, wie das zweijährige integrative Brückenangebot, parallel dazu besucht er zehn Schnupperlehren von je fünf Tagen, weil er so viele Berufe wie möglich kennenlernen will, und absolviert ein Praktikum als Montageelektriker. Da dort keine Lehrstelle vorhanden ist, wechselt er in den Automobilbereich und kann nun nach einem Praktikum als Automobilassistent dort auch eine Lehre beginnen. «Ich finde, das ist ein Erfolg, ich fühle mich jetzt gut, weil ich eine Lehrstelle habe und weiss, wie es weitergeht», freut sich Jawad sichtlich stolz. Bei all der Ungewissheit und auch manchem mutlosen Moment ist dadurch eine grosse Last von ihm abgefallen. Er träumt bereits von einer eigenen Autowerkstatt, einer eigenen Familie und auch davon, wieder in den Iran, «in die Heimat», reisen zu können.

Heimweh kommt in Wellen

Wehmut erfasst ihn, wenn er an seine Familie denkt. «Ich habe keinen Kontakt mit meiner Familie, aber trotzdem liebe ich meine Familie», sagt er. Es mache ihn traurig, wenn er daran denke und darüber spreche. Und – fährt er fort – er habe viele Dinge zu erzählen, vieles erlebt, worüber zu reden ihm schwerfalle. Und da stockt der Redefluss wieder. «Es ist wirklich sehr schwierig, ohne Familie und Verwandte, allein zu sein, aber ich gebe niemals auf, ich mache immer weiter», erklärt er dann. Er fügt hinzu: «Ich habe mich dazu entschlossen, doch beim Interview mitzumachen, weil ich dachte, es wäre gut für mich, über meine Geschichte zu reden, und eventuell interessiert sie auch ein paar Menschen.»

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