Bergführer-Porträt

«Der Charakter der Routen verändert sich»

«Die Schönheit und Faszination der Bergwelt mit meinen Gästen zu teilen, erfüllt mich», sagt Mario Arnold (40) aus Bürglen. Seit zehn Jahren ist er als selbstständiger Bergführer mit einer treuen Stammkundschaft in den Urner Bergen und dem gesamten Alpenraum unterwegs.

Aufgewachsen ist Mario Arnold mit zwei Brüdern auf der Sonnenterrasse Biel auf gut 1700 m ü. M. am Fuss des Kinzigpasses im Schächental. Mit der Panoramaaussicht vom Clariden, Gross Windgällen über den Titlis bis zum Uri-Rotstock vor Augen, wurde die Kletterei zu seiner Passion. «Das nahe Marchstöckli und der Höch Nossen waren für uns ein wahres Klettereldorado», schwärmt er. Zusammen mit seinem Bruder Dani und einem Nachbarjungen erlebte er manch Abenteuer an den griffigen Kalkfelsen. Mutter Monika und Vater Fredy, der auch als Flughelfer und Wildhüter im Einsatz war, vertrauten ihren Kindern.

Doch in der Oberstufe löste das Snowboarden, insbesondere der Boardercross, das Kraxeln in der Freizeit ab. Erste Rennen auf dem Biel, dann an weiteren Orten im Kanton Uri und später schweizweit, folgten. Nach dem Schulabschluss absolvierte Mario Arnold die vierjährige Lehre zum Baumaschinenmechaniker in Schattdorf bei der Batigroup. 2006, frisch ausgelernt, konnte er dort so flexibel weiterarbeiten, dass dem Training und den Wettkämpfen im Swiss Ski-B‑Kader nichts mehr im Weg stand. Auch an Weltcup-Rennen in Südkorea, Kanada und den USA nahm er teil.

Der Berg ruft

Doch die nahen Berge übten erneut eine immer stärkere Faszination aus. «Mein zwei Jahre älterer Bruder Dani war als Bergführer und Extremkletterer unterwegs und schwärmte von seinem Beruf», erinnert er sich. «Er unterstützte mich, als ich mich entschied, die dreijährige, herausfordernde Ausbildung anzupacken.» Der sportliche Fokus war plötzlich ein anderer. Das wettkampfmässige Snowboarden gab Mario Arnold auf und für die Zulassung zur Bergführerprüfung galt es nun, beim Skifahren sprichwörtlich «Gas» zu geben.

Der Startschuss wurde 2013 im Berner Oberland gelegt, als er nach der erfolgreichen Eintrittsevaluation mit der berufsbegleitenden modularen Ausbildung begann. Themenbereiche wie Sport- und Eisklettern, Material und Sturzmechanik, Medizin und Rettung, Lawinenkunde und «Leadership» standen jetzt auf dem vielfältigen Ausbildungsprogramm. Im Zwischenjahr mussten mindestens 30 Pflichttouren unter der Aufsicht einer Bergführerin oder eines Bergführers und zehn anspruchsvolle Privattouren im Hochgebirge absolviert werden.

Unvergessen bleibt ihm in der Aspirantenzeit, in Begleitung seines erfahrenen Bruders, die Durchsteigung der Grandes Jorasses Nordwand im Mont-Blanc-Massiv. Die legendäre Colton-MacIntyre-Route ist eine lange, sehr schwierige Eiskletter- und Mixed-Tour. Im dritten Jahr folgten je ein Abschlussmodul im Winter und im Sommer sowie die praktischen und theoretischen Prüfungen, um die Kompetenzen für das professionelle Führen zu bestätigen. Nur ein Drittel der 60 Absolventinnen und Absolventen schaffte es im ersten Anlauf. 2016 fand im Schloss Sargans die Diplomfeier statt. Rund 30 000 Franken hatte die Ausbildung gekostet.

Die Bergführerkarriere beginnt

«Nun war ich diplomierter Bergführer und wollte mir eine Stammkundschaft für individuell geführte Touren aufbauen», berichtet Mario Arnold. «Nicht nur die klassischen Viertausender sollten auf dem Programm stehen, sondern auch Geheimtipps im Urnerland.» Und dass es zu Beginn meiner Bergführerkarriere möglich war, flexibel bei der Firma Implenia als Baumaschinenmechaniker zu arbeiten, liess Existenzängste unbegründet.

Mit seinem sicherheitsorientierten Handeln, seiner Sozialkompetenz und Kommunikationsfähigkeit gelang es dem selbstständigen Bergführer den Kundenkreis stetig zu erweitern. Die Leidenschaft für die Berge mit dem Beruf zu verbinden, erfüllt ihn. «Sonnenaufgänge wie auf dem Weisshorn sind solch magische Momente, die nicht nur meine Gäste zu Tränen rühren», sagt Mario Arnold. «Es ist ein wahres Glück, wenn du Menschen Erlebnisse bieten kannst, die für sie allein nie möglich gewesen wären.» So auch einem Gast, der in diesem Jahr mit dem Erreichen des Zinalrothorngipfels nun alle 48 Viertausender der Schweiz bestiegen hat. «Dass sich die Gäste selbst überschätzen, kommt selten vor. Meistens erlebe ich das Gegenteil», hält er erfreut fest. Dass in den letzten Jahren aber ihre Selfie-Dichte und das Filmen zugenommen haben, lässt Mario Arnold schmunzeln. Und dass viele Hütten inzwischen moderner geworden sind, weiss er, wenn man tagelang unterwegs ist, zu schätzen.

Die Nullgradgrenze ist angestiegen

Sorgen bereitet ihm die zunehmende Hitze in den Bergen: «Du startest eine Tour um drei Uhr früh schon in kurzen Ärmeln und auf den Gletschern fliesst nonstop Wasser. Das ist krass!» Man könne es nicht wegdiskutieren, der Klimawandel zeige sich immer drastischer. Viele Gipfel seien diesen Sommer ohne Schnee gewesen, die Nullgradgrenze auf über 5000 m ü. M. angestiegen und der Permafrost halte die Felsen nicht mehr zusammen.

Auch bei sorgfältiger Vorbereitung und bei einer professionellen Risikohandhabung bleibe in den Bergen immer ein Restrisiko bestehen. «Viele Touren werden länger und anspruchsvoller. Ihr Charakter verändert sich markant, zum Beispiel mit Steinschlagzonen, fehlendem Firnschnee, zurückgehenden Gletschern und schwierig überwindbaren Bergschründen», sagt er.

Es gelte, sich vor einer Tour gut zu informieren, eventuell eine andere Route zu wählen und früher aufzubrechen, um dem zunehmenden Steinschlag mit der Sonneneinstrahlung zu entgehen. «Wenn du dich nicht mehr wohlfühlst, braucht es die Entscheidungs- und Verantwortungsfähigkeit, rechtzeitig umzukehren. Auch wenn du einen zahlenden Gast am Seil hast, darfst du nie voll am Limit unterwegs sein. Es gilt, als Bergführer Meister der Lage zu sein und sich nicht vom äusseren Druck zu Fehlhandlungen verleiten zu lassen», betont er. Wohl anerkenne der Gast mit der Teilnahme an einer Tour die damit verbundenen Restrisiken, aber eine absolute Sicherheit gebe es für ihn nicht.

Weiter liegt ihm am Herzen, dass die Lebensräume der Wildtiere geachtet und Abfälle nicht liegengelassen werden. «Man darf die Berge erleben, aber man sollte sie so hinterlassen, dass sich auch die nächste Generation daran erfreuen kann.»

Erfahrung und Wissen weitergeben

Dass er gerade im Jubiläumsjahr «200 Jahre Schweizer Bergführerberuf» neu selbst als Klassenlehrer in der Bergführerausbildung tätig ist, freut ihn. Dem Nachwuchs die geforderte Professionalität zu vermitteln, erscheint ihm für den Bergführerberuf wichtig. Denn jedes Jahr vertrauen sich in der Schweiz rund 3375 000 Menschen Bergführerinnen und Bergführern auf ihren Touren an.

Denn viele, wie auch Mario Arnold, tanken Kraft in den Bergen und erleben einmalige Naturerlebnisse, die sie zeitlebens nicht mehr vergessen werden. Und eines ist gewiss: Wohl scheiden die Berge das Wasser, aber sie bringen die Menschen zusammen.

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