100‑Jahr-Jubiläum

Luzerner Kremationsverein: So wurde die Feuerbestattung salonfähig

Die Kremation war in Luzern früher verpönt – und für viele zu teuer. Das führte 1926 zur Gründung eines Vereins, der heute noch als «cleverer Dienstleister» für seine Mitglieder da ist.

Der Friedhof Friedental liegt etwas versteckt am Rand der Stadt Luzern. Hier scheint die Zeit stillzustehen, besonders an verregneten Herbsttagen. Zwischen den Grabsteinen arbeiten Gärtner ruhig daran, das Gelände auf den kommenden Winter vorzubereiten.

Vor 100 Jahren war der Friedhof Schauplatz eines heftigen politischen Streits. Als 1926 das erste Krematorium der Zentralschweiz eröffnet wurde, war dies der Höhepunkt eines jahrelangen Kampfes um die letzte Ruhe.

Schon bei der Planung des Friedhofs war Platz für ein Krematorium vorgesehen. Doch der katholisch-konservativ geprägte Kanton Luzern stellte sich aus religiösen Gründen gegen den Bau. Auf der anderen Seite standen vor allem Liberale und Freidenker, die sich für die damals wenig verbreitete Feuerbestattung einsetzten. Der Streit landete schliesslich vor dem Bundesgericht. Dieses entschied zugunsten der Befürworter, das Krematorium konnte gebaut werden.

«Sie konnten sich die Kremation nicht leisten»

Doch damit war nur eine Hürde genommen. Die Feuerbestattung war teuer und für viele kaum erschwinglich. Nur wenige Wochen nach der Eröffnung des Krematoriums schlossen sich deshalb rund 70 Personen zusammen. Ihr Ziel: Eine Kremation sollte nicht am Geld scheitern. «Sie wollten kremiert werden, konnten es sich aber nicht leisten», sagt Hansjörg Kaufmann, Präsident des Kremationsverein Luzern, der dieses Jahr sein 100-jähriges Bestehen feiert.

Auch der Verein musste zuerst lernen, wie sich die versprochene Finanzierung machen lässt. «Am Anfang ging die Rechnung nicht auf», sagt Kaufmann. Deshalb wurde ein Kapitaldeckungsverfahren eingeführt. Der Verein baute Reserven auf, um die zugesagten Leistungen langfristig finanzieren zu können.

Verein hatte auch politischen Erfolg

Mit den Jahren veränderte sich auch die gesellschaftliche Stellung der Feuerbestattung. 1963 erlaubte die katholische Kirche die Kremation. Für den Verein war das ein Wendepunkt, die Mitgliederzahl nahm stark zu. Was einst Gegenstand eines weltanschaulichen Konflikts gewesen war, wurde zunehmend zur Normalität.

Heute ist dieser Kampf weitgehend entschieden. «Der Auftrag des Vereins ist erfüllt», sagt Kaufmann. Ein bemerkenswerter Satz für einen Präsidenten im Jubiläumsjahr. Denn verschwunden ist der Verein keineswegs: Ende vergangenen Jahres zählte er 1951 Mitglieder.

Und auch die Kostenfrage ist nicht vollständig aus der Welt. Gewisse Gemeinden übernehmen die Kosten einer Kremation, andere nicht. In der Stadt Luzern wehrte sich der Verein dagegen, dass die bisherige Kostenübernahme abgeschafft wird. Er ergriff erfolgreich das Referendum. 2016 sprach sich die Stimmbevölkerung dafür aus, dass die Stadt die Kosten weiterhin übernimmt.

Mitglieder regeln ihre Kremation bereits vor dem Tod

Neue Mitglieder kommen weiterhin hinzu, allerdings aus anderen Gründen als vor 100 Jahren. Viele würden heute nach einer Möglichkeit suchen, ihren Nachlass und ihre Bestattung zu Lebzeiten zu regeln, sagt Kaufmann. Dabei würden sie den Kremationsverein als «cleveren Dienstleister» entdecken. Eine Mitgliedschaft finanziert und organisiert die Einäscherung bereits vor dem Tod, was Angehörige vor unerwarteten Kosten schützt.

Möglich gemacht wird diese Dienstleistung durch Freiwilligeneinsatz des Vorstands um Kaufmann, der selbst seit 1989 im Amt ist. Doch die freien Ämter werden schwerer zu besetzen, Posten bleiben leer. Für den Verein stellt sich die Frage, wie er seine Aufgaben erfüllen kann und wie er sich in Zukunft aufstellen wird.

Im Friedental ist vom einstigen Kampf um die Feuerbestattung heute wenig zu spüren. Vielleicht liegt darin auch der Erfolg jener Menschen, die sich vor 100 Jahren zusammenschlossen. Die Kremation ist selbstverständlich geworden. Nun muss der Verein, der einst für sie kämpfte, vor allem eine Antwort auf seine eigene Zukunft finden.

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