Theaterkollektiv Feige & Sohn

Kirche hilft mit, Techno in Luzern zu Grabe zu tragen – das steckt hinter der Aktion

Ein Theaterkollektiv inszeniert eine Totenmesse für die Clubkultur. Theologe Meinrad Furrer sagt, warum sich die Kirche daran beteiligt.

Für die einen ist es ein trauriger Moment, für die anderen höchste Zeit: Techno wird beerdigt. Und dies nicht etwa in Hochburgen der elektronischen Musik wie Berlin oder Zürich, sondern in Luzern. Ausgerichtet wird die Kunstaktion vom Theaterkollektiv Feige & Sohn. Dahinter stehen die Künstler Fabio Savoldelli, León Cremonini und Joshua Schibli. Letzterer wohnt und studiert in Luzern, was mit ein Grund ist, weswegen Techno gerade hier in dieser Woche zu Grabe getragen wird.

Doch wieso ein Begräbnis? Techno und die damit verbundene Clubkultur sind laut dem schweizweit tätigen Theaterkollektiv ein Zufluchtsort, an dem Inklusivität grossgeschrieben wird. Nur sei dies vorbei. «Gentrifizierung und Kommerzialisierung haben den inklusiven Kern zerstört. Europaweit sterben die Clubs, und diejenigen, die übrig bleiben, verlangen immer höhere Eintritts- und Getränkepreise», so das Kollektiv.

Dazu kommt: Die künstlerische Metapher – das Projekt war bereits aufgegleist – wurde von der Wirklichkeit eingeholt. Die Totenwache, die diesen Dienstag um 19 Uhr beginnt und 72 Stunden dauert, findet im Klub Kegelbahn an der Baselstrasse statt. In jenem Lokal, über dessen Betreibergesellschaft Anfang August der Konkurs eröffnet worden und dessen Zukunft momentan ungewiss ist. Die Öffentlichkeit ist gemäss Medienmitteilung rund um die Uhr eingeladen, vorbeizukommen, «sich um den Sarg zu versammeln und persönlich Abschied zu nehmen».

Nach dem Ende der Totenwache zieht die Trauergemeinde am Freitag, 25. September, um 19.15 Uhr in einer Prozession vom Klub Kegelbahn durch die Stadt zur Jesuitenkirche. Dort leitet Meinrad Furrer, Leiter Team Peterskapelle, ab 20 Uhr die Trauerfeier. Die Trauerreden halten Angehörige aus der lokalen Technoszene: DJ Mitura, Dragqueen und DJ Rachel Harder sowie Ilayda Zeyrek, zuletzt Kegelbahn-Clubchefin.

Theologe Furrer war «sofort begeistert»

Dass sich die Kirche beteiligt, mag manche überraschen. Furrer sagt dazu: «Das Phänomen der stark verändernden Clubkultur existiert und den Verlust solcher Räume zu betrauern, ist ein wichtiger Prozess. Das Theaterkollektiv kam mit der Idee auf mich zu und ich war sofort begeistert davon.» Als queerer Theologe wisse er, wie es sei, sich verdrängt zu fühlen.

Die Trauerfeier in der Jesuitenkirche sei vom Präfekt genehmigt worden, weil «es sich um ein Kunstprojekt handelt, das die traditionellen liturgischen Formen nicht konkurrenziert». Durch diese wird Furrer bewusst als Performer führen, der das Requiem in ein künstlerisches, auch für säkulare Menschen zugängliches Format zu übersetzen versucht. Negative Reaktionen seien wegen der Aktion keine bei ihm eingegangen.

Was die Verbindung von dunklem Club und barocker Kirche betrifft, so schreibt das Theaterkollektiv in seiner Mitteilung: «Beide Orte versprechen Gemeinschaft, und beide produzieren zugleich Ausschlüsse.» Weil das Thema jede Stadt betrifft, ist gemäss Feige & Sohn denkbar, die Kunstaktion später auch woanders adaptiert durchzuführen. (hor)

Mehr zum Thema:

Mehr zum Thema:

Mehr zum Thema:

Kommentare (0)