Rückblick

Vor 125 Jahren entstand eine «Fake»-Ritterburg beim Bahnhof Luzern

Für das Eidgenössische Schützenfest wurde 1901 eine riesige Festhalle aufgestellt, die von aussen wie eine Burg aussah. Danach blieb diese lange stehen – und wurde zwischengenutzt.
Die 1901 für das Eidgenössische Schützenfest in Luzern erbaute Festhalle, auch Ritterburg genannt.
Bild: Stadtarchiv Luzern (F2 PA 002/285:05)

Heute prägt mit dem KKL moderne Architektur die Umgebung des Bahnhofs Luzern. Früher war das völlig anders: Vor 125 Jahren wurde dort ein Gebäude errichtet, das sich optisch an lange zurückliegende Zeiten anlehnte: eine riesige Festhalle für das Eidgenössische Schützenfest 1901, die von aussen wie eine Ritterburg aussah.

Aus einer anderen Perspektive sah die Festhalle nicht mehr wie eine Burg aus.
Bild: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / SIK_02-02-0834

Dabei handelte es sich aber nur um eine «Kulissenburg» beziehungsweise eine «potemkinsche Scheinburg», wie das Luzerner Stadtarchiv in einem Beitrag anlässlich der Eröffnung vor 125 Jahren schreibt. Hinter den vorgehängten Fassadenelementen aus Zement befand sich eine Holzkonstruktion. Das Bauwerk «spiegelte den romantisierenden Historismus der Zeit». Durch die vielseitig gestaltete Fassade mit mehreren Türmen sowie Pflanzen wie Efeu entstand der Eindruck, es handle sich um ein «gewachsenes Ensemble».

Innovation hinter altmodischer Fassade

Als Architekt fungierte damals Hans Siegwart. Trotz des mittelalterlichen Äusseren handelte es sich bei der Festhalle durchaus um ein innovatives Bauprojekt, wie der 2025 verstorbene Luzerner Historiker Kurt Messmer in einem Beitrag der Blog-Serie des Schweizer Nationalmuseums festgehalten hat. Die Konstruktion sei «eine technische Pionierleistung» gewesen. Im Innern habe der Bau mit seinen drei Schiffen an eine Basilika erinnert. Die Halle war 115 Meter lang, 50 Meter breit, 18 Meter hoch und bot Platz für rund 4500 tafelnde Personen.

So sah die Festhalle 1901 im Innern aus.
Bild: Gebrüder Wehrli, Kilchberg / Stadtarchiv Luzern (F2a/ANLASS/EREIGNIS/0072:03)

Wie erwähnt war die Ritterburg nicht das einzige Bauwerk dieser Epoche, das sich optisch an der Vergangenheit orientierte. «1900 hat das Romantisieren und Historisieren System», so Messmer im Blog. Zugleich war die damalige Zeit geprägt von rasanten technologischen Entwicklungen wie der Elektrifizierung oder der Einrichtung einer zentralen Druckwasserversorgung. Zudem wuchs die Stadt Luzern sehr schnell. 1875 zählte sie rund 16'000 Einwohnende, bereits 1904 waren es etwa doppelt so viele. Messmer schrieb dazu: «Die Fahrt vorwärts und der Blick rückwärts sind gekoppelt: je rasanter das Tempo des Wandels, desto grösser das Bedürfnis nach bewusster Vergangenheit, das heisst: nach Geschichte.»

Ritterburg ist in guter Gesellschaft

Ein frühes Beispiel für historisierende Bauten sei der 1866 erstellte Kellerhof an der Pilatusstrasse mit neugotischen Formen gewesen, danach folgten weitere Gebäude im Gebiet Hirschmatt-Neustadt. Auch die dortigen Strassennamen, die an frühere Schlachten erinnern, zeugen von diesem Zeitgeist (unter anderem die Sempacher- , Winkelried-, Morgarten- oder Dornacherstrasse). Weitere markante Beispiele sind das in den 1880er-Jahren erbaute Château Gütsch, der 1902 eröffnete Umbau des Wartegg-Schlössli, das Ökonomiegebäude Dreilinden von 1897 oder das von 1886 bis 1888 erstellte Gotthardbahn-Verwaltungsgebäude am Schweizerhofquai mit seinen Säulen – heute dient es als Zweigstelle des Bundesgerichts.

Das ehemalige Gotthardbahn-Verwaltungsgebäude, heute ein Sitz des Bundesgerichts.
Bild: Pius Amrein (Luzern, 1. 7. 2025)

Zurück zur Ritterburg beziehungsweise Festhalle: Diese war ursprünglich nur für wenige Tage erstellt worden. Das Schützenfest fand vom 30. Juni bis zum 11. Juli 1901 statt, wie es im Stadtarchiv-Beitrag heisst. 309'000 Personen hätten es besucht. Neben der Festhütte entstand für den Grossanlass übrigens auch ein rund 400 Meter langer Schiessstand am Alpenquai. Dieser wurde nach dem Fest wieder zurückgebaut.

Auf Schützen folgten «Pazifisten»

Anders die Festhalle: Diese prägte das Stadtbild während 30 Jahren und wurde mehrfach zwischengenutzt. Kleine Ironie der Geschichte: Auf die Schützen folgten zunächst die «Pazifisten», wie das Stadtarchiv schreibt: 1902 eröffnete in der Festhalle das Internationale Kriegs- und Friedensmuseum. «Die Ausstellung wollte als Mahnung zum Frieden die destruktiven Folgen der Nutzung moderner Waffen aufzeigen.» 1910 zügelte das Museum in einen Neubau an die Museggstrasse, die Festhalle wurde danach für eine Rollschuhbahn, das Stereorama (eine Art Panorama mit Alpenmodell), ein Brockenhaus, Messen und weitere Grossanlässe genutzt. 1931 schliesslich wich sie dem Kunst- und Kongresshaus, dem von Armin Meili entworfenen Vorgängerbau des KKL.

Mehr zum Thema:

Kommentare (0)