Noch ganz beseelt von den Klängen eines Weihnachtskonzerts sitze ich im Zug Luzern ab 22.18 Uhr nach Altdorf. Der Zug fährt in Richtung Chiasso, er ist pumpenvoll, es wird hauptsächlich Italienisch gesprochen. «Was wünschst du dir fürs neue Jahr?», frage ich meine Begleiterin. «Gesund bleiben wäre gut, sich mit niemandem streiten.» Aus einer anderen Ecke tönt es: «Und dass die Menschen mehr miteinander reden und weniger herumballern.»
Vermutlich inspiriert durch die vielen italienischen Laute um mich herum und weil Neujahr bevorsteht, muss ich an Lucio Dalla: «L’anno che verrà» denken. Das Album mit diesem Lied wurde 1979 veröffentlicht, mitten in den «Anni di piombo» (1960 bis 1980). Es gab schreckliche Terroranschläge, bleierne Gewalt und soziale Unruhen hatten Italien im Würgegriff. Seit 2003 – man stelle sich das vor – strahlt das öffentlich-rechtliche Fernsehen Italiens jedes Jahr unter «L’anno che verrà» das Silvesterprogramm aus. Es beginnt und endet mit Dallas Lied.
Hatte ich eben vor mich hingesummt? Die junge Italienerin mir gegenüber nickt zustimmend. Sie kennt die Lied und alle Menschen Italiens lieben Lucio Dalla. (Er starb 2012, 62-jährig in Montreux an einem Herzinfarkt.) In «l’anno che verrà» schreibt Dalla seinem abwesenden, imaginären Freund einen Brief. «Ich schreibe dir, um mich etwas abzulenken. Das alte Jahr ist vorbei», schreibt er, «aber irgendetwas stimmt hier nicht». Es sind keine erbaulichen Zeiten, die Dalla schildert: Die Menschen gehen abends selten aus, auch an Festtagen nicht, sie sprechen nicht miteinander. Es sind Zeiten der Angst. Nun würde man einen finsteren Song erwarten, aber dem ist nicht so. Lucio Dallas Jahr, das kommen wird, ist ein Jahr der Wunder: «Sarà tre volte Natale e festa tutto il giorno». «Es wird dreimal Weihnachten geben und den ganzen Tag wird gefeiert. Jeder Christus wird vom Kreuze herabsteigen, auch die Vögel werden wieder kommen. Auch die Stummen werden sprechen können, während die Tauben dies schon tun.» Und später: «Und man wird Liebe machen, jeder wie es ihm passt. Auch die Priester werden heiraten dürfen, aber erst ab einem gewissen Alter.»
Und ganz am Ende des Liedes heisst es: «Siehst du lieber Freund, was ich schreibe und dir sage, und wie zufrieden ich bin, hier zu sein in diesem Moment.»
«Vedi, vedi, vedi, vedi, vedi caro amico cosa si deve inventare, per podere riderci sopra, per continuare a sperare …» «Sie doch, sieh doch, sieh doch, sieh doch, lieber Freund, was man sich einfallen lassen muss, um sich darüber lustig machen zu können, um weiterhin hoffen zu können.»
Dem kann ich unmöglich etwas beifügen. Ich bin gerührt, den Tränen nahe, aber mit so viel Hoffnung erfüllt, dass Wunder wahr werden können, auch heute in dieser wiederum schlimmen Zeit.
Ich hoffe, Sie finden ganz oft Zeit, sich «L’anno che verrà» anzuhören, und wünsche Ihnen ein «wundervolles» neues Jahr.


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