Die Beziehung zum Haustier hat sich fundamental gewandelt. Dominierte bis zum späten 18. Jahrhundert ein zweckorientiertes, oft geringschätziges Verhältnis, etablierte sich im 19. Jahrhundert die Haustierhaltung in der Mittelschicht. Tiere wurden fortan nicht mehr nur gehalten, sondern zunehmend verehrt.
Die Details der heutigen Gestaltung von Mensch-Tier-Beziehungen hat der Soziologe David Blouin untersucht. Seine Beobachtungen aus den USA lassen sich weitgehend auf hiesige Verhältnisse übertragen. Blouin erklärt, dass Haustiere längst als Freunde oder Familienmitglieder gelten. Diese Bindungen seien jedoch nicht statisch, da sie sich je nach Lebensumständen, Geschlecht und sozialer Klasse der Besitzenden verändern.
Engste Bindung bei Alleinstehenden und kinderlosen Paaren
Frauen pflegen oft eine empathische Beziehung zu ihren Tieren, engagieren sich überdurchschnittlich im Tierschutz und nehmen eine fürsorgliche «Elternrolle» ein. Bei der Auswahl des Tieres steht für sie dessen Persönlichkeit im Vordergrund. Männer hingegen legen mehr Wert auf das Erscheinungsbild, betrachten Haustiere eher als Freunde und schätzen gemeinsame sportliche Aktivitäten.
Obwohl Blouin in allen sozialen Schichten tiefe emotionale Bindungen zum Tier findet, zeigen sich auch Unterschiede: In einkommensschwächeren Milieus steht oft der praktische Nutzen im Vordergrund, etwa wenn Hunde das Eigentum bewachen. Im Gegensatz dazu dienen in privilegierten Kreisen elegante Rassen häufig der Repräsentation und werden fest in das Familienleben integriert.
Die engsten Bindungen zu Haustieren finden sich oft bei Alleinstehenden, kinderlosen Paaren oder Eltern, deren Kinder bereits ausgezogen sind. Diese Gruppen neigen am ehesten dazu, ihre Tiere zu «anthropomorphisieren», ihnen also menschliche Eigenschaften und Rollen zuzuschreiben. Die Intensität geht teilweise so weit, dass Hundebesitzende in Umfragen angaben, sich ihrem Tier emotional näher zu fühlen als den eigenen Eltern.
Tier als Gesundheitsbooster ist ein Mythos
Während Kinderlose oft eine fast menschliche Beziehung zum Tier pflegen, führt die Geburt eines Kindes häufig zu einer emotionalen Rückstufung des Tieres. Wenn Kinder zum Familienmittelpunkt werden, müssen Ressourcen neu verteilt werden, was bis zur Vernachlässigung oder Abgabe des Tieres führen kann.
Gegen eine Trennung vom Tier spricht oft das Argument, dass Haustiere die menschliche Gesundheit fördern. Blouin zeichnet für diesen sogenannten «Haustiereffekt» jedoch ein widersprüchliches Bild: Während manche tatsächlich vom Halten eines Tieres profitieren, leiden Menschen mit wenig Sozialkontakten und extremer Fixierung auf ihr Tier teils unter verstärkten Depressionen. Zudem bergen Haustiere physische Risiken wie Bissverletzungen oder Krankheiten. Die Vorstellung vom Haustier als Gesundheitsbooster ist somit ein moderner Mythos. Unbestritten bleibt jedoch, dass Haustiere längst mehr als blosse Begleiter sind.
In der Kolumne «Soziologischer Standpunkt» äussern sich Soziologinnen und Soziologen der Universität Luzern zu Gesellschaftsthemen. Quelle: Blouin, D. D. 2012. Understanding relations between people and their pets. Sociology Compass, 6(11), 856-869.

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