Fast hundert Jahre lang lag es unbeachtet im Kollegium Sarnen: ein Hirschgeweih aus der Mittelsteinzeit, gefunden in Lungern. In wissenschaftlichen Publikationen war es erwähnt worden. Doch wo es sich befand, wusste niemand mehr. Erst 2022 tauchte es wieder auf, zusammen mit über 3500 weiteren Fundobjekten. Sie alle gehörten zur Lehrsammlung eines Mannes, der als Pionier der Zentralschweizer Archäologie gilt: Pater Emmanuel Scherer.

Grosse Schaffenskraft
Er kam 1876 als Lehrerssohn in Flühli im Luzerner Entlebuch zur Welt, besuchte das Kollegium Sarnen und trat später ins Kloster Muri-Gries ein. Mit 53 Jahren starb er unvermittelt an Typhus. Was er in seiner Lebenszeit leistete, beeindruckt heutige Fachleute. «Er hatte eine enorme Schaffenskraft», sagt Martin Berweger, ehrenamtlicher Mitarbeiter der Denkmalpflege und Archäologie Obwalden. Er hat die Sammlung in den vergangenen Jahren aufgearbeitet und nun als Hauptautor ein Buch über ihn verfasst hat. Scherer wirkte als Lehrer am Kollegium Sarnen, doch seine Interessen reichten weit darüber hinaus. Neben Deutsch unterrichtete er Botanik, Geologie und Urgeschichte. Parallel dazu baute er über Jahre hinweg eine umfangreiche Lehrsammlung auf. Nebenbei bildete er sich zum Archäologen aus.

Wie eine Zeitkapsel
Die Sammlung schlummerte über fast 100 Jahre im Kollegiengebäude in Sarnen. In einem Schrank und zwei Kommoden hatten sich archäologische Objekte, ein Herbarium und weitere Unterrichtsmaterialien erhalten, die seit Scherers Tod kaum mehr beachtet worden waren. Für die Forschung ist diese Konstellation eine eigentliche Zeitkapsel: Sie erlaubt einen seltenen Einblick in die Arbeitsweise eines Sarner Kollegi-Lehrers, der zugleich Mönch war, und eines Archäologen zu Beginn des 20. Jahrhunderts.
Schon zu Lebzeiten war Scherer in Fachkreisen kein Unbekannter. 1907 gehörte er zu den Gründungsmitgliedern der Schweizerischen Gesellschaft für Urgeschichte. Er stand im Austausch mit Forschenden im In- und Ausland und wurde bei Grabungen als Berater beigezogen. Zu seinen wichtigsten Verdiensten zählt die Leitung der Grabung beim römischen Gutshof in Alpnach (OW). Bemerkenswert ist dabei nicht nur die Entdeckung der ersten römischen Mauern in der Urschweiz, sondern auch die Art und Weise, wie Scherer vorging: Er liess Grabungen nach damals modernen archäologischen Methoden durchführen und versuchte stets neueste Erkenntnisse in seine Dokumentationen einfliessen zu lassen.

Bestens vernetzt
Zwischen Unterricht und Forschung entwickelte sich so ein Netzwerk, das weit über die Region hinausreichte. Scherer erhielt Fundstücke zugeschickt, dokumentierte sie und ordnete sie ein. Bis 1916 arbeitete er die archäologischen Funde von Uri, Schwyz, Ob- und Nidwalden auf, später folgte eine Übersicht über die Objekte des Kantons Zug. Martin Berweger sagt deshalb: «Pater Emmanuel Scherer kann mit Fug und Recht als ‹Vater der Archäologie in der Zentralschweiz› bezeichnet werden.»
Die Aufarbeitung der Schererschen Sammlung zeigt auch die Grenzen des Sarner Paters und der damaligen Methoden. Einzelne Funde hat er damals falsch datiert oder eingeordnet. So erwiesen sich vermeintliche steinzeitliche Objekte bei modernen Analysen als mittelalterlich. Zudem fehlt bei einem grossen Teil der Stücke die genaue Herkunft. Aus heutiger Sicht ist ihre wissenschaftliche Aussagekraft deshalb eingeschränkt. Mittlerweile befinden sich die Objekte sauber sortiert im Depot der Fachstelle Denkmalpflege und Archäologie Obwalden in Sarnen.

Am Anfang der Professionalisierung
Gerade in dieser Vollständigkeit der Sammlung liege ein besonderer Wert der Sammlung, sagt Martin Berweger. Lehrsammlungen seien kaum überliefert, die Sarner Sammlung zeige, wie Archäologie um 1900 betrieben wurde. Damals gab es erste Lehrstühle für Archäologie an Universitäten, die Methoden des Fachs waren im Entstehen begriffen. Berweger: «Pater Emmanuel Scherer stand am Anfang der Professionalisierung der Archäologie und nutzte seine Zeit sehr effizient.»
Dieser Beitrag stammt von der Stiftung Geschichte Kloster Muri. Zum Thema ist im Chronos Verlag das Buch «Pater Emmanuel Scherer» von Martin Berweger erschienen. Die Vernissage findet am 25. Juni um 18 Uhr in der Kollegikirche St. Martin in Sarnen statt. Weitere Informationen auf www.geschichte.kloster-muri.ch/zeitkapsel-geborgen-und-entschluesselt.
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