Markus Zwyssig
Markus Zwyssig
Im Pflegezentrum Urnersee in Flüelen ist es deutlich ruhiger als sonst. Es gelten strenge Schutzmassnahmen. Wegen der Coronapandemie dürfen sich gleichzeitig nur noch zwei Personen bei einem Bewohner aufhalten. Die Cafeteria ist nicht mehr öffentlich zugänglich. Rentner der Umgebung und Schüler, die früher zum Mittagessen kamen, mussten sich nach einer anderen Verpflegungsmöglichkeit umsehen. Der Jodlerklub kann nicht hier proben, hat aber eine andere Lokalität gefunden. Auch die Veranstaltungen der Kirche können nicht stattfinden, so weicht man auf interne Andachtszeiten mit den hauseigenen Seelsorgerinnen aus.
Im Pflegezentrum mussten in der Vergangenheit immer wieder Schutzmassnahmen getroffen oder die Cafeteria geschlossen werden. Etwa dann, wenn das Norovirus ausbrach. Derart massiv und lange wie jetzt beim Coronavirus galten die Massnahmen aber noch nie. Geschäftsleiterin Katja Uhlig sagt, die Mitarbeiter würden alles tun, die Hygienevorschriften umzusetzen. Die Angst gehe um, sich anzustecken und krank zu werden. «Noch grösser ist aber die Angst, das Virus ins Haus zu bringen.»
Der Abschied fällt ruhig aus
Katja Uhlig verlässt das Haus Ende November. Der Abschied wird anders gefeiert als gedacht. Auf einer grossen Tafel an der Wand bedanken sich die Mitarbeiter für die geleistete Arbeit. Es sind viele Fotos zu sehen, die in den vergangenen Jahren entstanden sind. Ein Fest wird es aber nicht geben. «Wir werden Sie vermissen, wenn Sie weg sind», sagt eine Bewohnerin in der Cafeteria. «Werden Sie uns auch ein bisschen vermissen?», fragt die Tischnachbarin. Uhlig, die fast elf Jahre im Pflegezentrum in Flüelen arbeitete, entgegnet:
«Ich gehe mit einem lachenden und einem weinenden Auge.»
Als sie begann, sah vieles anders aus. Uhligs Vorgänger ging im gegenseitigen Einvernehmen. Die Nachfolgerin kam zwar aus der Pflege, aber nicht von der Heimpflege. Es klappte jedoch gut und die neue Leiterin aus Ostdeutschland war bald akzeptiert. Die anfängliche Skepsis wich dem Vertrauen. «Wir sind wie eine grosse Familie», sagt Uhlig. Sie hat sich in Uri gut eingelebt, wohnt mit ihrem Mann in Silenen und steht kurz vor der Einbürgerung. Drei von vier Kindern sind bereits ausgeflogen.
Mehr Pflege machte mehr Fachpersonal notwendig
Die Tendenz, dass Frauen und Männer erst später ins Heim kommen, ist auch im Pflegeheim Urnersee zu spüren. Das Haus hat sich vom Alters- zum Pflegeheim gewandelt. Das brauche entsprechend mehr Fachpersonal, sagt Anita Schuler, Präsidentin des Stiftungsrats. Die Verantwortlichen des Hauses begannen sich mit den Themen Demenz und Palliativ Care zu beschäftigen. Alle Mitarbeiter wurden entsprechend geschult. Die Integration von Menschen mit Demenz und ganz unterschiedlichen Krankheiten hat sich gut etabliert. «Wir wollen, dass die Bewohner bis ans Lebensende in ihrer vertrauten Umgebung hier bei uns leben können», sagt Schuler.
Das Pflegezentrum ist inzwischen auch ein etablierter Ausbildungsbetrieb. 2007 wurde eine erste Lehrstelle geschaffen. Heute sind es ein Dutzend Jugendliche, die einen von mehreren im Heim möglichen Berufen erlernen. Begonnen hat man vor ein paar Jahren auch damit, Flüchtlinge auszubilden. Menschen aus 13 Nationen sind im Haus tätig. Sehr viel verändert hat sich auch in der Gastronomie. Das Angebot wurde erweitert und ist weit grösser als vor zehn Jahren. Drei Köche arbeiten im Pflegezentrum, einer davon ist ein Diätkoch. Anita Schuler ergänzt:
«Menschen brauchen neben der Pflege immer mehr Betreuung.»
So wird einiges unternommen, dass die Bewohner aktiv bleiben. Katja Uhlig erwähnt die Zusammenarbeit mit dem Haus für Kunst Uri. Menschen mit Demenz werden eingeladen, Bilder zu betrachten und ihre Eindrücke wiederzugeben. Diese werden von einer Fachperson aufgeschrieben und zu einer Geschichte zusammengefasst. «Kreatives Geschichtenerzählen», so nennt man diese Form. «Es ist jeweils sehr beeindruckend, was für schöne und berührende Geschichten entstehen», so Uhlig. Ausserdem gibt es Wanderung auch für Menschen mit Demenz. Eine enge Zusammenarbeit pflegt man dabei mit der Alzheimer Vereinigung Uri. Vier Fachleute kümmern sich um die Aktivierung der Bewohner im eigenen Haus.
Vogelgezwitscher in gemütlichem Ambiente
Das Pflegezentrum Urnersee soll für alle ein Zuhause sein. «Vom Heim zum Daheim» heisst der Leitspruch. Das schlägt sich auch in der Atmosphäre des Hauses nieder. So zwitschern in der Cafeteria zwei Wellensittiche. Die Räume sind hell und freundlich eingerichtet. Es gibt Plätze zum Verweilen und die Aussicht auf Urnersee und die Bergwelt. Anita Schuler erzählt von einer Bergbauernfrau, die ihr einmal gesagt hat:
«Ich habe es im ganzen Leben nie so schön gehabt, wie jetzt hier.»
Gefallen hat es auch Geschäftsleiterin Katja Uhlig. Sie will sich nun aber einen Traum erfüllen. Fast 40 Jahre habe sie im Pflegebereich gearbeitet, sagt sie. Jetzt will sich die 55-Jährige der nachhaltigen Landwirtschaft zu wenden. Sie wird nach einer Pause im nächsten Frühling bei einem Biobauer im Berner Oberland Praktikantin werden und die Permakultur erlernen.


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