Sonntagnacht, 5 Uhr: Draussen ist es noch dunkel. Irgendwo läuft gerade ein Spiel der Fussball-WM. Ehrlich gesagt fiel die Entscheidung leicht. Elf Spieler auf einem Bildschirm können warten. Ein Sonnenaufgang auf dem schönen Brüsti nicht.

Beliebte Führungen
Mit der Seilbahn geht es hinauf auf 1525 Meter über Meer. Im Tal blinken erste Lichter, oben herrscht eine besondere Ruhe, die man nur in den Bergen kurz vor Tagesanbruch erlebt. Wenig später schiebt sich die Sonne hinter den Schächentaler Bergen hervor und taucht die Gipfel des Surenengebiets in warmes Licht. Allein dafür hätte sich das frühe Aufstehen gelohnt. Doch der eigentliche Höhepunkt folgt erst.
Seit 20 Jahren führt Kari Kempf, ein erfahrenerer Jäger aus Attinghausen, Interessierte durch das Surenengebiet. Die Exkursion ist weit mehr als eine Wanderung. Mit dabei ist auch Agronom Thomas Ziegler aus Altdorf. So wird die frühmorgendliche Tour zu einer Entdeckungsreise durch eine Landschaft, in der Natur, Geschichte und Kultur eng miteinander verwoben sind. Entsprechend erstaunt es nicht, dass die nächste Führung im August bereits ausgebucht ist.
Kari Kempf kennt das Gebiet seit Kindesbeinen an. So öffnet er den Blick für vieles, woran man als normaler Wanderer achtlos vorbeigehen würde. Plötzlich erzählen Plätze, Felsen und Wildtiere ihre Geschichten.
Geschichtsbuch der Alpen
Schon bald werden die ersten Rehe und Hirsche beim Grasen entdeckt. Wenig später, und viel weiter oben, geniessen mehr als ein Dutzend Gämsen das saftige Gras an den steilen Hängen. Ein Turmfalke zieht seine Kreise und im Geröll pfeifen die Murmeltiere. Die Steinböcke bleiben ihrem Ruf als majestätische Individualisten treu. Wegen der sommerlichen Hitze haben sie sich in kühlere, höhere Lagen zurückgezogen. Man kann eben nicht alles planen – und genau das macht Wildtierbeobachtungen so spannend.
Mindestens ebenso faszinierend ist die Pflanzenwelt. Zwischen den Felsen blühen Arnika, Glockenblumen, Fingerkraut, Klappertopf sowie Alpen- und Bergwegerich. Auch der tiefblaue Eisenhut fällt ins Auge – wunderschön anzusehen und gleichzeitig eine der giftigsten Pflanzen Europas. Kari Kempf und Thomas Ziegler erklären, wie sich die verschiedenen Arten an Wind, Kälte, Schneelast und die kurze Vegetationszeit angepasst haben.
Unterwegs fallen auch die letzten Schneefelder auf. Daneben liegen mächtige Moränen – stille Zeugen jener Zeit, als Gletscher das Tal formten. Plötzlich wird sichtbar, wie stark Eis und Wasser die heutige Landschaft geprägt haben. Das Surenengebiet ist nicht nur Lebensraum für Tiere und Pflanzen, sondern zugleich ein eindrückliches Geschichtsbuch der Alpen.
Der Weg führt weiter mit herrlichen Ausblicken auf den Brunnistock und die umliegenden Gipfel. Eine gemütliche Pause auf der Alp Grat (mit Bergbeizli) oder zum Abschluss im Restaurant Alp Catrina darf natürlich nicht fehlen.
Was diese Exkursion besonders macht, sind nicht spektakuläre Inszenierungen oder perfekte Fotomotive. Es ist die Begeisterung der Menschen, die ihr Wissen teilen. Wer mit offenen Augen unterwegs ist, entdeckt plötzlich Zusammenhänge: zwischen Wild und Lebensraum, zwischen Pflanzen und Klima, zwischen Geologie und Landschaft. Und im Morgenlicht ist die Alpenwiese sowieso viel schöner als jeder Fussballrasen. (zvg)

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