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Luzern

In Littau wurde einst fast der ganze Güsel der Stadt Luzern entsorgt – 1971 war Schluss damit

Vor 50 Jahren waren Recycling und Abfalltrennung noch weitgehend Fremdwörter. Die Deponie Gasshof/Bergweid in der damaligen Gemeinde Littau war eine der grossen Kehrichthalden. Abgelöst wurde sie von der Anlage im Ibach, die nun zurückgebaut wird.
Die Abfalldeponie Gasshof/Bergweid im Jahr 1966. Links der Turm mit dem Förderband der alten Kiesgrube. Am rechten Bildrand das 1961 erstellte Hochhaus Luzernerstrasse 150, welches das Ortsbild noch heute prägt. (Bild: Josef Bieri)
Ein Pferdefuhrwerk mit «Ochsner-System» für den Kehrichttransport 1960 an der Renggstrasse in Littau vor der alten «Gasshof-Schmiede». Diese Fotografie ist im Coiffeur-Salon Bärlocher an der Renggstrasse aufgehängt (also im Haus, das hier abgebildet ist). (Fotograf unbekannt )
Flugaufnahme 1973 der Deponie Gasshof/Bergweid. Zwei Jahre nach der Inbetriebnahme der KVA Ibach in der Stadt Luzern ist ein Teil der Deponie aufgefüllt. Auf dem Areal befinden sich die ersten Gewerbebetriebe Schrotmättli.  (Bild: Bauamt Gemeinde Littau 1973)
Flugaufnahme 1985 mit aufgefüllter Deponie Gasshof/Bergweid. In der Bildmitte die alte Siedlung Gasshof, im Hintergrund die Überbauung Fanghöfli. Ausschnitt aus einem Flugbild von Littau-Reussbühl, das die Druckerei Blöchlinger der Gemeinde schenkte. (Bild: Archiv Littau-Kurier Nr. 50)
Die Bergweid heute, oberhalb der ehemaligen Deponie. (Bild: Josef Krieger)
Wo früher die Abfalldeponie Gasshof/Bergweid war, befindet sich heute die Überbauung Gasshof. (Bild: Beat Krieger)

Hugo Bischof

Hugo Bischof

Hugo Bischof

Hugo Bischof

Hugo Bischof

Hugo Bischof

Bis 1971 wurde ein grosser Teil des Siedlungsabfalls der Stadt Luzern in der Deponie Gasshof/Bergweid in der damaligen Gemeinde Littau entsorgt. Die Fotografie oben stammt von 1966. Der damalige Posthalter im Dorf Littau, Josef Bieri, hat sie gemacht. Sie zeigt eindrücklich die gewaltige Dimension der Abfallmenge. Damals war noch keine Umweltschutzverordnung im heutigen, strengen Sinn in Kraft. Recycling und Abfalltrennung waren weitgehend noch Fremdwörter. Die Abfälle wurden mit Lastwagen herangekarrt und in die Grube gekippt. Die Deponie bot entsprechend einen trostlosen Anblick.

Im Mai 1971 war Schluss damit. Die damals neu erstellte und inzwischen ausser Betrieb gesetzte Kehrichtverbrennungsanlage (KVA) im Gebiet Ibach auf Stadtluzerner Boden ging in Betrieb. «Sie erlöste die Littauer Bevölkerung von den Geruchsimmissionen des Stadtgüsels», sagt Beat Krieger, der uns das Foto von 1966 zugestellt hat. Krieger, heute 66-jährig, wirkte während 44 Jahren als Primarschullehrer in Littau, von 1987 bis 2004 war er Mitglied des Gemeinderats, und von 2006 bis 2019 präsidierte er den FC Littau. Er ist ein profunder Kenner der Geschichte der ehemaligen Gemeinde Littau.

Der Weg des Güsels: Von Littau nach Luzern und Perlen

Das Bild der Deponie von 1966 erlangt heute auf indirekte Weise wieder Aktualität. Denn zurzeit wird die Nachfolgerin der Littauer Deponie, die KVA Ibach, rückgebaut. Damit erreicht die Geschichte des Luzerner Abfalls einen neuen Wendepunkt. Der Betrieb der KVA Ibach, wo zuletzt 90'000 Tonnen Abfall verbrannt wurden, wurde 2015 eingestellt. Die Nachfolgeanlage Renergia in Perlen wurde im Sommer 2015 eingeweiht. Littau-Luzern-Perlen lauten somit die Stationen des Luzerner Abfalls – nur, dass der «Güsel» in Perlen nach aussen nicht mehr sichtbar ist, im Gegensatz zu damals in Littau. Der «Zweckverband für Kehrichtbeseitigung Luzern und Umgebung» war übrigens von zwölf Gemeinden im Dezember 1964 gegründet worden.

Die Littauer Deponie Gasshof/Bergweid hatte eine lange Vorgeschichte, über die Beat Krieger viel zu erzählen weiss. Er betont:

«Littau wurde wegen seiner zahlreichen und ergiebigen Kiesgruben während langer Zeit als ‹steinreichste Gemeinde› oder ‹Kiesgrubenrepublik› bezeichnet.»

Die Gruben befanden sich in den Gebieten Gasshof, Jodersmatt/Hochrüti, Kirchfeld, Tschuopis und Ruopigen. Die Ausbeutung der in der Eiszeit entstandenen Sand- und Schotterablagerungen ist in Littau gemäss Krieger bis ins Jahr 1450 zurück nachweisbar.

Kiesgruben wurden später als Deponien genutzt

Es entstanden mehrere Kiesgruben. Diese wurden nach 1930 industriell ausgebeutet und später als Deponien genutzt. Auf dem Bild von 1966 ist der Turm mit dem Kiesförderband noch intakt erkennbar, dahinter das Schulhaus Littau-Dorf. Der Betreiber der Kiesgrube und späteren Deponie Gasshof/Bergweid war die Franz Lötscher AG. 1866 bis 1881 sowie während der beiden Weltkriege von 1914 bis 1918 und 1939 bis 1945 erfolgte am Sonnenberg sogar der Abbau von Kohle.

die Franz Lötscher AG.

Die Firma Fritz Lötscher (heute Lötscher Tiefbau AG) hatte im Gasshof nur

die Büroräumlichkeiten und mit der Deponie nichts zu tun.»

Gemäss Krieger wurde der Abfall der Stadt Luzern seit 1958/59 auf der Deponie Gasshof/Bergweid abgelagert. Die Bergweid hinter der Deponie war früher ein Bauernhof. Auf dem Bild von 1966 ganz rechts erkennbar ist ein Gebäude, welches das Stadtbild in Littau heute noch prägt, nämlich das 1961 erstellte Hochhaus Luzernerstrasse 150 des Architekten Joseph Gasser. Rechts davor steht das frühere Schützenhaus (2009 abgerissen). «Der letzte 300-Meter-Schuss wurde hier am 28. Oktober 1978 abgefeuert», erzählt Krieger. Heute befindet sich dort die Bushaltestelle Schützenhaus. «Deshalb deren Name», sagt Krieger, «obwohl nichts mehr an das Schützenhaus erinnert.»

Nach der Auffüllung der Deponie Gasshof/Bergweid wurden in einer Gewerbe- und Wohnzone «Gasshof» neue Bauvorhaben realisiert. Private wollten 1995 im heute bestehenden Gebäudekomplex die Gemeindeverwaltung Littau einrichten. Ebenso war die benachbarte Liegenschaft «Neuhushof» ein möglicher Standort. Daraus wurde nichts, die Stimmbürger der Gemeinde Littau bewilligten nach harten Abstimmungskämpfen ein neues Gemeindehaus am Ruopigen neben der Kantonsschule, welches 2004 eingeweiht wurde und heute die kantonale Dienststelle Informatik beherbergt.

2010 fusionierte die Gemeinde Littau mit der Stadt Luzern – nach langem Feilschen und Ringen und trotz Widerstand in Teilen der Littauer Bevölkerung. Die «Güsel»-Problematik war längst vergessen. Vorteile der Fusion mit der Stadt Luzern waren für die Littauer die koordinierte Entwicklung der Volksschule, die Fusion der Feuerwehr sowie diverser Organisationen und Vereine sowie ein tendenziell grösseres Dienstleistungsangebot. Die Stadt ihrerseits erhielt dank des Zugewinns von freien Landflächen im neuen Stadtteil Littau grössere raumplanerische Möglichkeiten für die künftige Entwicklung.

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