Mein Mann und ich sind seit fünfundzwanzig Jahren zusammen. Und mögen uns immer noch, obwohl wir ziemlich verschieden sind. Er arbeitet in der IT, ich in der Kultur. Er schaut Sport, ich mache Sport. Er hört Ska und Punk, ich liebe Elektro. Er liest im Jahr ein einziges Buch, ich lese zwei Bücher pro Woche. Unsere Geschmäcker und Leidenschaften klaffen weit auseinander, treffen sich aber an überraschenden Orten. Zum Beispiel beim Eurovision Song Contest (ESC). Den feiern wir beide. Seit immer.
Als Kind – damals war der ESC noch eine eher behäbige Veranstaltung mit Liedern in Landessprache – liebte ich es, ganz lange aufzubleiben, bis zum Ende des Votings. Ich war fasziniert von der Vielfalt an Sprachen und Kulturen. Später, als Studentin mit Nebenjob im Gastgewerbe, landete ich nach Feierabend oft in einer der wenigen Bars, die nach zwei Uhr noch offen hatten – darunter eine Gay-Bar. Dort traf ich Gleichgesinnte, die den ESC, das Schräge und Kitschige, genauso feierten wie ich. Im Gegensatz zu meinen Studi-Freundinnen, die diese schrille Popwelt für den Inbegriff von Uncool hielten.
Und dann traf ich ihn – den Informatikstudenten mit der eigenen Bar im Keller, der an Punkkonzerten rumhing und am 1. Mai schwarz gekleidet durch Zürich zog. Er lud mich ein, den ESC mit ihm zu schauen – auf seinem winzigen Fernseher in seinem winzigen WG-Zimmer. Ich war überrascht. Und verliebte mich noch ein Stück mehr in ihn.
Seitdem – also seit einem viertel Jahrhundert – schauen wir gemeinsam ESC. Mal in Clubs, mal zu zweit auf dem Sofa, manchmal mit Freunden, wenn wir welche finden, die sich zumindest ein bisschen begeistern können. Wir singen mit, geben Tipps ab, halten das Voting durch – und sind meist enttäuscht, weil unsere Favoriten nie gewinnen. Unsere Kinder hatten natürlich nie eine Wahl. ESC-Fans sind sie quasi per Geburtsrecht. Ihre ersten «Ich-bleibe-wach-bis-ich-umfalle»-Nächte waren Song-Contest-Nächte.
Dieses Jahr fand der ESC in Basel statt. Natürlich mussten wir hingehen. Mit zehntausend anderen Menschen kämpften wir – also mein IT-Mann, nicht ich – per Klick um die begehrten Tickets. Finaltickets haben wir nicht bekommen, aber wir waren da, mit Kind und Teenie und Freundinnen: an der Hauptprobe am Nachmittag und am grossen Public Viewing am Abend. Was für eine Party! Was für eine schöne Welt voll Glitzer, Pailletten, Tanz und Musik! Und was für ein Glück, dies mit meinen liebsten Menschen teilen zu können.
Die Songs höre ich mir nach der Show nie wieder an – mein Musikgeschmack ist wirklich ein anderer. Auch das Glitzertop verschwindet wieder im Schrank. Aber nächstes Jahr? Da feiern wir wieder, mein Mann und ich. Den Song Contest und unsere Liebe. Beide haben sich verändert in den letzten Jahren. Während der eine lauter wurde, wurde die andere stiller. Während die eine aufpassen muss, dass sie im Alltag nicht verschüttet wird, zelebriert der andere das Ungewöhnliche und Exaltierte. Aber eines sind beide bis heute: lebendig.
Carmen Kiser, Museologin aus Sarnen, äussert sich abwechselnd mit anderen Autoren zu einem selbst gewählten Thema.


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