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Geschichte

Handel, Konflikte und «ruche» Knechte – neues Buch zeigt die Geschichte der Vierwaldstättersee-Schifffahrt auf

Autor Stefan Ragaz hat sich intensiv mit den Anfängen und der Blütezeit der Schifffahrt auseinandergesetzt. Sein Buch bringt interessante Erkenntnisse.
Der Urinauen der Urner Schiffgesellen, gemalt 1813 von Franz Xaver Triner. Hinten, symbolisch dargestellt, der heilige Nikolaus, Schutzpatron der Schifffahrer.
Bild: Bild: PD

Die Geschichte der Schifffahrt auf dem Vierwaldstättersee ist seit 1837, als die Dampfschiffe Einzug hielten, relativ gut erforscht. Wenig war bisher bekannt über die rund acht Jahrhunderte zuvor. Ein neues Buch schliesst diese Lücke nun auf eindrückliche Weise. Der Adligenswiler Journalist und Historiker Stefan Ragaz hat in fünfjähriger Arbeit unzählige historische Quellen durchforscht und präsentiert in seinem 320-seitigen, reich illustrierten Buch spannende, teils überraschende Erkenntnisse.

In Auftrag gegeben hat das Buch die St. Niklausen Schiffgesellschaft Genossenschaft Luzern (SNG). Sie ist die einzige verbliebene Gesellschaft von obrigkeitlichen «Seeknechten» aus der Frühzeit der Luzerner Schifffahrt mit einer weit über 600-jährigen Geschichte. Bis heute betreibt sie eine Flotte von Ausflugs- und Charterschiffen auf dem Vierwaldstättersee.

Ziel war wohl, Abgaben einzutreiben

Gemäss dem Buchautor ist die Schifffahrt auf dem Vierwaldstättersee seit gut tausend Jahren belegt. Zuerst diente sie den Klöstern etwa in Muri und Zürich (Fraumünster) und wohl auch in Luzern dazu, die Zehntabgaben aus ihren abgelegenen Gutshöfen etwa in Uri oder Nidwalden einzutreiben. Diese waren zum Teil nur über den Seeweg zu erreichen.

Mit der Besiedelung der voralpinen Regionen setzte der gegenseitige Handel zwischen Dörfern und Marktorten ein, häufig auch per Schiff. Die Schifffahrt sei für die Entstehung der Region als Region und damit in gewisser Weise auch für die Anfänge der Eidgenossenschaft zentral gewesen, betont Ragaz - als Verbindung «von Land zu Land», aber auch als «Streitzone».

Luzern Mitte des 16. Jahrhunderts mit regem Schiffverkehr auf dem See und auf der Reuss auf einer kolorierten Darstellung von Johannes Stumpf.
Bild: Bild: PD

Die Schifffahrt entwickelte sich über die Jahrhunderte zu einem wichtigen Wirtschaftszweig, nicht nur für den «Staat», sondern auch für die Schiffsgesellschaften, für Handwerker und Taglöhner. Das habsburgische Luzern war das Bindeglied zu den Kornkammern des Mittellandes. Uri und Unterwalden bezogen in Luzern auf dem Seeweg vor allem Getreide. Umgekehrt diente Luzern als Marktort für Butter und Käse aus den drei Ländern. Nidwalden versorgte die Stadt vor allem mit Butter. An diversen Orten rund um den See entstanden grössere und kleinere Häfen, die bedeutendsten in Flüelen (das den Markt in Altdorf versorgte) und Luzern.

Regelmässig kam es zu Konflikten

Angesichts dieser zentralen Bedeutung des Schiffsverkehrs erstaune es nicht, dass es auf dem Vierwaldstättersee –auf der «Lebensader der Innerschweiz» – immer wieder zu Konflikten kam, betont Ragaz: «Denn wer die Schifffahrt kontrollierte, kontrollierte den See.» Beim Streit um die Vorherrschaft auf dem Vierwaldstättersee ging es dabei immer um Geld – vorab um Zolleinnahmen. Auch die «Fürleite», eine Ersatzabgabe für den Rücktransport von Personen oder Waren aus einem fremden Hafen, die einheimischen Schiffsgesellschaften zu entrichten war, führte zu Streitereien vor allem zwischen Luzern und Uri.

Um die Zollabgaben in Luzern zu umgehen, begannen Uri, Schwyz und Unterwalden im 16. Jahrhundert, ihre Exporte über die Ausweichroute Küssnacht abzuwickeln. Dagegen wehrte sich Luzern mit der Errichtung zusätzlicher Zollstationen, etwa bei der Halbinsel Hertenstein. Es kam zu einem fast hundertjährigen Zollkrieg, der die eidgenössischen Tagsatzungen mehr als vierzig Mal beschäftigte.

Fahrt konnte mehrere Tage dauern

«Man kann sich aus heutiger Sicht kaum vorstellen, wie beschwerlich die Schifffahrt damals war», so Ragaz. «Man fuhr in der Nacht, bei Wind und Wetter und hatte kaum Möglichkeiten, die Unberechenbarkeit des Wetters, vor allem auch der lokalen Winde, auf den verschiedenen Abschnitten des Sees, abzuschätzen.» Für die rund 38 Kilometer von Luzern nach Flüelen benötigten die grössten Schiffe neun bis elf Stunden. Bei Schlechtwetter und Gegenwind konnte eine Reise auch bis zu 48 Stunden dauern und musste in Etappen zurückgelegt werden. Es wurde wohl oft gerudert.

Ein grosser Nauen gerät 1836 vor Brunnen in einen Föhnsturm. Zeichnung von David Alois Schmid.
Bild: Bild: PD

Gefahren wurde bis in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts ausschliesslich in Holzschiffen. Dem Autor gelang es, die verschiedenen Schiffstypen aufgrund der Schiffmacherordnungen sowie bildlicher Darstellungen, die bis auf Diebold Schilling zurückgehen, detailliert zu rekonstruieren. Mit über 20 Metern Länge und knapp 4 Metern Breite am grössten war der Urnernauen, mit dem die Luzerner ihre Waren nach Flüelen transportierten.

Ein Luzerner Nauen, dargestellt auf einer Glasmalerei in der Kindlimordkapelle in Gersau. Zu sehen sind auch der heilige Niklaus als Schutzpatron der Schifffahrer und die Muttergottes.
Bild: Bild: PD

Dazu gab es kleinere Knechten- oder Ledinauen. Die «Jassen» waren etwa 10 Meter lang, meist gedeckt und dienten vorwiegend dem Personenverkehr. Die Bauweise veränderte sich während vierhundert Jahren nicht. Es blieb bei flachbodigen, langen Nauen. Nur in der Grösse wuchsen die Schiffe. Überraschend ist auch, dass die Nauen nur eine Lebenszeit von zwei bis drei Jahren hatten. Damit wollten die Obrigkeiten für die Sicherheit der Schiff- und Kaufleute sorgen.

Ruderer als «derbe» Kerle?

Stefan Ragaz schafft es, historische Genauigkeit mit erzählerischer Leichtigkeit zu verbinden. Viel Platz wendet er etwa für die Frage auf, wer denn die Ruderer auf den Nauen waren. In den Quellen ist oft die Rede von «wetterharten, derben und eigensinnigen» Kerlen, die Schlägereien anzettelten, Weinfässer leer tranken, Fahrgäste abzockten und keine Sorge zu ihrem Material trugen. Man nannte sie deshalb auch «Ruchknechte».

Das sei nur die eine Seite, sagt Ragaz. Wahr sei auch, dass bei den Schiffgesellen eine grosse Religiosität herrschte. Das zeige sich an den vielen am Seeufer erbauten Kapellen, die dem heiligen Nikolaus, dem Schutzpatron der Schifffahrt geweiht sind.

Stefan Ragaz: Von Land zu Land. Schifffahrt auf dem Vierwaldstättersee. Weber Verlag AG, Pro Libro. Fr. 49.-

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