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Hergiswil

Für einmal selber Pilotin oder Pilot sein – und bedenkenlos waghalsige Manöver wagen

Im Cockpit das Steuer selbst in die Hand nehmen. Was in der Regel nur Piloten dürfen, können in Hergiswil auch Laien – dank eines Flugsimulators. 

Wie eine Strassenbeleuchtung sehen die Lichter aus, die plötzlich zwischen den Häusern von Hongkong aufscheinen. Sie dienen aber nicht dem Strassenverkehr, sondern als Anflughilfe für Flugzeuge. Die Lichterkette bildet eine Linie, die die Anflugschneise zum Flughafen Hongkong darstellt. «Bald taucht ein rot-weiss-bemalter Felsen, das berühmte Checker Board auf, als weitere Orientierung für den Piloten», erklärt mir Martin Feist, der auf dem Sitz des Co-Piloten Platz genommen hat. Dann taucht die Markierung auch schon auf und wenige Augenblicke später die aufs offene Meer hinaus gerichtete Piste.

«Retard, retard, retard», befiehlt eine blecherne Stimme aus dem Lautsprecher. Wir ignorieren sie – und starten durch. Der Airbus A 320 ist wieder in der Luft, die Nase steil nach oben gerichtet.

Diesen «Zwischenfall» hat «mein» Co-Pilot Martin Feist bewusst herbeigeführt, ohne uns zu gefährden. Denn die Szene war nicht real. Der alte Hongkonger Flughafen, der als einer der am anspruchsvollsten anzufliegenden Flugplätze der Welt galt und berüchtigt wegen seines komplizierten Anflugs war, wurde 1998 durch einen modernen Flughafen ersetzt.

Die Szene spielt sich in der Gegenwart, an einem Mittwochvormittag ab – in Hergiswil auf sicherem Boden, im Flugsimulator der Swiss Pilots Association. Dank Martin Feist, früher selber Linienpilot, können auch Laien einmal in ihrem Leben Pilot sein und zum Beispiel mit seiner Hilfe, von Zürich nach Stuttgart fliegen. Dass es «nur» ein Simulator ist, könnte man fast vergessen, zu real fühlt es sich an. Vor dem Cockpitfenster erscheint der Flughafen Zürich. Wir rollen auf die Startbahn 28 zu. Der Flugfunk ist zu vernehmen. «Mit dem kleinen Lenkrad kannst du steuern», erklärt er.

«Jetzt müssen wir links abbiegen.»

Ich drehe an dem Lenkrad, das Flugzeug gehorcht und schwenkt nach links. Wir geben Schub, ziehen den Sidestick nach hinten – und sind in der Luft. Die Triebwerke dröhnen. Unter uns werden die Häuser immer kleiner. Das Fahrwerk wird eingezogen. Kaum gestartet, beginnt schon das Landeprozedere, eine Kurve muss geflogen, Landeklappen und Fahrwerk ausgefahren und dann zum Sinkflug angesetzt werden. Die Piste taucht auf, und dann hat das Flugzeug auch schon wieder festen Boden unter den Rädern.

Selbst die Werbetafeln der Zürcher Flughafen-Parkhäuser erscheinen

Der Eindruck, dass dieser Flugsimulator jenen Simulatoren, die Fluggesellschaften für die Ausbildung ihrer Piloten einsetzen, in nichts nachstehen, täuscht nicht, wie Martin Feist auf Nachfrage stolz ausführt. «Unsere Bildprojektion ist sogar besser, mit mehr Details. Bei diesem Simulator erscheinen beispielsweise auch die sich wechselnden Werbetafeln an den Zürcher Flughafen-Parkhäusern oder die Feuerwehrfahrzeuge auf dem Flughafen Stuttgart.»

Dafür hat er auch keinen Aufwand gescheut. 2018 kaufte er das Cockpit eines Airbus A 320, der Airline TAM in Südamerika, der nach 20’000 Stunden das Ende seiner Lebenszeit erreicht hatte. Er liess die Nase, die wie das ganze Flugzeug verschrottet worden wäre, vom Rumpf abschneiden und von England mit einem Schwertransporter nach Hergiswil bringen, wo der gebürtige Berliner wohnt und in einer leeren Fabrikhalle an der Seestrasse gegenüber dem Hafen ein geeignetes Lokal fand.

Das Cockpit wurde mit originalen Instrumenten und moderner Netzwerktechnik ausgerüstet, die er im Laufe der Zeit zusammenkaufte. Über ein Dutzend Computer zaubern die realistischen Flugmanöver und -erlebnisse hervor. Allein für die 210 Grad-Projektion sind die schnellsten Computerprozessoren und Grafikkarten erforderlich, die es derzeit auf dem Markt gibt. Der Simulator lässt wirklich keine Wünsche offen. Eine Bassanlage erzeugt den Effekt des Vibrierens und zahlreiche Lautsprecher sorgen für die realitätsnahe Soundkulisse. Selbst verschiedene Wetterszenarien oder Tageszeiten können auf Knopfdruck erzeugt werden.

Auch bei Berufspiloten beliebt

Seit 2020 ist der Flugsimulator in Betrieb. 2019 hat Martin Feist mit seinen Töchtern Tanja, Natascha, Melina und ihrem Cousin Christoph den Verein «Swiss Pilots Association» gegründet, den er präsidiert.

«Jedes Gründungsmitglied bringt sich mit der eigenen ausgebildeten Kompetenz ein, die es für die Umsetzung eines solchen Erlebnisses erfordert.»

Mittlerweile ist der Verein auf 18 Mitglieder angewachsen. Martin Feist arbeitet ansonsten in der Informatikbranche.

Der Flugsimulator kommt an. «Berufspiloten fliegen mit ihm, um in der Übung zu bleiben, Piloten in der Ausbildung bereiten sich so auf die Prüfung vor», so Martin Feist. Laien haben für 300 Franken die Gelegenheit, in die Rolle eines Piloten zu schlüpfen und einen kompletten Flug im Cockpit zu erleben. Auch bei Familien- oder Firmenanlässen sei der Simulator inzwischen sehr beliebt. Abwechselnd können zwei Personen fliegen, während die anderen in den Loungesesseln oder in der Sky-Lounge einen Apéro geniessen.

Weitere Informationen: www.spah.ch

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