Bald ist es so weit: Mit der Fasnacht werden Luzern und die Zentralschweiz einmal mehr auf dem Kopf stehen. Statt Ruhe in den Gassen – laute Guuggenmusig, statt Schule – Konfettischlacht, statt grauer Anzug und dunkler Mantel – kreativer Grend. Die Fasnacht ist das Fest der Umkehr, so die beiden Soziologinnen Halnon und Gunasekera. In unterschiedlicher Form erfreut sich dieses Fest auch anderswo grosser Beliebtheit.
Wir kennen die Bilder des Karnevals von Rio de Janeiro mit seinen bunten, glänzenden Kostümen und Wagen. Aber auch in Costa Rica wird gefeiert. Neben Umzügen wird ein Teufelstanz aufgeführt, die Familien schmücken ihre Häuser und besprenkeln Räume mit Wein. In Guatemala hingegen werden Eier mit Konfetti und kleinem Spielzeug gefüllt, die auf den Köpfen anderer zerbrochen werden. Und in Panama City beispielsweise stellt die Regierung Wasserwagen und -schläuche bereit, damit sich die Leute mit Wasser bespritzen und abkühlen können.
Egal ob Luzern, Hitzkirch, Rio de Janeiro, Panama City oder Guatemala – mit der Fasnacht kommt die Möglichkeit einer «zweiten Lebenswelt». Das heisst, wir machen vieles, das wir normalerweise nicht tun würden.
Oder anders: Als zweite Lebenswelt eröffnet die Fasnacht einen zeitlich begrenzten Raum, in dem die üblichen Gepflogenheiten und gängigen Hierarchien infrage gestellt werden. So dürfen wir unsere Chefs mit Konfetti bewerfen und möglichst laut vor dem Rathaus schränzen. Anders als sonst sind in dieser zweiten Lebenswelt auch Disziplin und Ordnung wenig gefragt. Vielmehr geht es um kollektive Ausgelassenheit mit viel Musik und ausgefallener Bekleidung.
Dieser zweiten Lebenswelt schreiben die beiden Soziologinnen viel Positives zu. Die Fasnacht übernimmt eine Ventilfunktion. Soziale Spannungen können kontrolliert und abgebaut werden. Zudem kann das Durchbrechen der gesellschaftlichen Ordnung nicht nur individuell Freude bereiten, sondern auch für soziale Ungleichheiten sensibilisieren. Die Fasnacht hat damit das Potenzial, unsere Gesellschaft zu verändern und ein klein wenig gerechter zu machen.
Natürlich gibt es auch kritische Stimmen. Diese glauben nicht an das gesellschaftliche Transformationspotenzial der Fasnacht. Sie sehen darin ein kommerzielles Spektakel, dem es an Authentizität mangelt und das auf finanzielle Gewinne abzielt. So können die Urteile über die Fasnacht auseinandergehen.
Unbestritten ist jedoch, dass die Fasnacht uns verlässlich zur zweiten Lebenswelt einlädt. Dies jedoch nur für begrenzte Zeit. Denn wir alle wissen, dass nach der Fasnacht wieder die erste Lebenswelt wartet. Spätestens dann sollten wir wieder damit aufhören, Konfetti ins Gesicht von Chefinnen zu werfen und hohen Politikern oder anderen feinen Leuten in die Ohren zu schränzen.
In der Kolumne «Soziologischer Standpunkt» äussern sich Soziologinnen und Soziologen der Universität Luzern zu Gesellschaftsthemen. Quelle: Halnon, Karen B., & Gunasekera, Harini D. (2018). Carnival culture. In L. Grindstaff, M.-C. Lo, & J. Hall (Hrsg.), Routledge Handbook of Cultural Sociology (177–186). Routledge.


Kommentare
Bitte beachten Sie unsere Richtlinien, die Kommentare werden von uns moderiert.
Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare geschrieben.