«Es ist geschehen, und folglich kann es wieder geschehen: Darin liegt der Kern dessen, was wir zu sagen haben.» Die Worte des italienischen Autors und Holocaust-Überlebenden Primo Levi sind ein lyrisches Mahnmal. Am 27. Januar 2025 jährte sich die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz zum 80. Mal.
An diesem Tag gedachte die Kantonsschule Willisau den Opfern des Holocaust mit einer Wanderausstellung, die zusammen mit der Gamaraal Foundation ins Leben gerufen wurde. Dabei erzählte Egon Holländer, der den Holocaust überlebt hatte, den Schülerinnen und Schülern aus seinem Leben.
Unvorstellbare Erinnerungen – die Hölle auf Erden
Egon Holländer ist 1938 in der Tschechoslowakei im Gebiet der heutigen Slowakei zur Welt gekommen. Im Jahr 1944 nahmen die Nazis das Gebiet ein und begannen mit den Deportationen der Jüdinnen und Juden in die Konzentrationslager (KZ). Darunter waren auch der sechsjährige Egon Holländer und seine Eltern.
«Sie pferchten uns in Viehwaggons», erzählt er. Mehrere Tage hätten sie unter prekärsten Umständen ausharren müssen. Sie konnten nicht liegen, bekamen kein Essen, kein Wasser. Bereits die Reise forderte mehrere Todesopfer. «Das erste, was ich sah, als ich ausstieg, waren zwei Kamine, aus denen schwarzer Rauch kam. Es stank schrecklich nach verbranntem Fleisch. Wir waren in Auschwitz angekommen.»
Da Auschwitz aber schon voll war, wurden sie ins KZ Ravensbrück gebracht. Dort fand dann eine Selektion statt, wo die Familie getrennt wurde. Egon Holländer kam mit seiner Mutter in eine Reihe. «Es war das letzte Mal, dass ich meinen Vater gesehen habe. Nach Recherchen von meiner Tochter wurde er dort ermordet.»
Gamaraal Stiftung
Die Gamaraal Stiftung wurde 2014 in der Schweiz gegründet. Sie unterstützt Holocaust-Überlebende und ist im Bereich von Holocaust Erziehungsarbeit engagiert. Die Gründerin ist Anita Winter, Tochter von Holocaust-Geflüchteten. (jek)
Eine Szene aus dem KZ Ravensbrück ist Egon Holländer besonders in Erinnerung geblieben: Eines Tages stand er hinter einer Baracke und sah hinter dem Stacheldraht- und Elektrozaun, wie die Sonne auf ein Haus schien. «Es war so schrecklich schön. Ich habe auf das Paradies geschaut und ich selbst war in der Hölle.»
Egon Holländer erzählt von unvorstellbaren Gräueltaten, von stundenlangen morgendlichen Appellen, während deren sie in kurzen, dünnen Kleidern in der eisigen Kälte warten mussten. Er berichtet von SS-Männern, die andere Menschen zu Tode prügeln und den Kindern Brot hinwarfen, weil sie Spass daran hatten, zuzusehen, wie sie darum stritten.
«Wir waren nur noch Skelette mit Haut überzogen», fährt Egon Holländer fort. «Das einzige menschliche Gefühl, das wir noch hatten, war Hunger. Andere Gefühle konnten wir uns nicht erlauben. Das Leben im Konzentrationslager war kein Leben. Es war ein langsames Sterben.»
Das Lager Ravensbrück wurde schliesslich liquidiert. Egon Holländer kam mit seiner Mutter nach Bergen-Belsen, ein Vernichtungslager, das im April 1945 von der britischen Armee befreit wurde.
«Bleibt wachsam. Bildet euch eine eigene Meinung»
«Wir waren endlich befreit», erinnert sich Egon Holländer. Leider seien nach der Befreiung ebenfalls viele Menschen gestorben. «Ich hatte riesiges Glück, wie so oft, denn es war ein Kinderarzt vor Ort, der wusste, wie er mit uns umgehen musste.» Von den wenigen Kindern, die das KZ, in dem Egon Holländer war, überstanden haben, hätten nach der Befreiung fast alle überlebt.
Holländer findet es besonders schlimm, dass heute versucht werde, demokratische Systeme abzuschaffen. Er hat zwei sozialistische Systeme miterlebt und überlebt: den Nationalsozialismus und anschliessend den kommunistischen Sozialismus.
Das sei auch ein Grund, warum er seine Geschichte erzählt: Die Polarisierung, die heute sowohl von rechts als auch von links bewirtschaftet werde, empfinde er als katastrophal. Extremismus sei nie gut: «Ich habe ein rechts- und linksextremes diktatorisches System erlebt. Ich will euch sagen: Bleibt sehr wachsam. Denkt immer an die Konsequenzen von dem, was euch versprochen wird. Und bildet euch eine eigene Meinung.»
Eine weitere Wanderausstellung der Gamaraal Stiftung ist vom 28. Januar bis zum 14. Februar täglich von 8 bis 17.30 Uhr in der Südbauhalle der Kantonsschule Seetal geöffnet. Der Eintritt ist frei.


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