Eine Hitzewelle hat im März Spanien erreicht und uns Temperaturen von knapp 30 Grad beschert. Deshalb fuhren Xenia und ich mit unserem Van Elsa etwas vom Meer weg, um den Abkühlung suchenden Menschenmassen aus dem Weg zu gehen. Wir parkten südlich von Alicante und verbrachten dort ein ruhiges Wochenende mit Rocco und Monique, einem deutschen Paar, das wir ganz zufällig am Stellplatz kennen gelernt hatten. Sie fahren ebenfalls einen 1987er-Mercedes 309d – jedoch in einem auffälligen Gelbton –, deshalb kamen wir auch ganz schnell ins Gespräch.
Abends sassen wir bei angenehmen Temperaturen draussen, und die Sonne hatte gerade die letzten goldenen Sonnenstrahlen hinter den kargen Hügeln hervorscheinen lassen. Von Weitem winkte uns ein junger Mann zu. Je näher er kam, umso deutlicher zeigte sich, dass es sich um einen Rucksackreisenden handelte. Wir boten ihm einen Stuhl an und gaben ihm etwas Wasser zu trinken. Kevin, so sein Vorname, ist Belgier. Er war wenige Tage zuvor mit dem Flugzeug in Spanien gelandet. «Ich will zu Fuss nach Gambia laufen, um dort Arbeit als Park Ranger zu finden», liess er uns wissen. Die 45 Euro, die er noch besitze, müssten ausreichen, um ans Ziel zu kommen. Kevins Füsse weisen nach sechstägigem Laufen bereits Blasen auf. Aber der Mann weiss sich zu helfen: Mit seinem Feuerzeug erhitzt er einen kleinen Eisendraht und durchsticht die Blasen. Anschliessend reibt er eine Salbe ein und lässt diese einziehen. Ob dies wirklich helfen wird? Beim Zusehen wage ich dies zumindest zu bezweifeln.
Es wurde langsam dunkel, und schliesslich sassen nur noch Rocco, Kevin und ich vor den Vans. Kevin erzählte uns, dass er vor einigen Tagen in einem besetzten Haus übernachtet und dort von einem Aussteiger LSD erhalten habe. Dieses habe er kurz vor unserer Begegnung eingenommen, und langsam spüre er eine innere Wärme, die – vom Bauch ausgehend – Richtung Kopf wandere. Er erklärte uns, dass seine Reise nach Afrika gleichzeitig auch eine Reise zu sich selber sei. «Ich habe in den letzten Jahren den Bezug zu mir selber verloren», erwähnte der Backpacker. Er erzählte von seiner schwierigen Kindheit, von seinen Eltern, die beide kurz nach seiner Geburt gestorben seien, von seinen Gewalterfahrungen in diversen Pflegefamilien und von seiner Zeit auf der Strasse. Diese begann, als er mit 18 Jahren die Pflegefamilie in einer Nacht- und Nebelaktion verliess.
Ich realisierte irgendwann, dass Kevins Zelt immer noch unausgepackt am Boden lag. Bilder von tanzenden Hippies am Woodstock-Festival oder an Konzerten von «Greatful Dead» tauchten vor meinem geistigen Auge auf. Ich bot ihm meine Hilfe beim Aufstellen an, stellte aber fest, dass er noch durchaus fähig war, sein Zelt innert kürzester Zeit selbstständig und wetterfest aufzurichten. Wir sassen noch eine Weile gemeinsam im Freien und sprachen über Gott und die Welt. Eine traurige und zugleich faszinierende Persönlichkeit sass da vor mir. Teilweise gedankenverloren schaute Kevin zu den Sternen hinauf und erzählte mir von seiner wachsenden Angst vor der totalen Überwachung durch Elon Musks Satelliten und durch die Tech-Firmen im Silikon Valley.
Mit seinen 45 Euro in der Tasche verliess er am nächsten Tag – etwas zerzaust – sein Nachtlager. Ich bereitete ihm noch etwas Kaffee zu und lud sein Handy mit unserer Powerbank auf. Er trank den Kaffee, warf sich einen kleinen Streifen Löschpapier – beträufelt mit LSD – in den Mund und machte sich wieder auf den Weg. Kevins psychedelische Reise geht weiter. Ob er den langen Fussmarsch heil übersteht und Gambia tatsächlich erreichen wird, wage ich ernsthaft zu bezweifeln. Aber um es in den Worten des französischen Schriftstellers Alfred de Musset zu sagen: «Reisen ist das beste, ja das einzige Heilmittel gegen Kummer.»



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