notifications
Obwalden

Eine musikalische Auseinandersetzung mit dem Tod am «Erstklassik am Sarnersee»

Das international erfolgreiche Carmina Quartett bot in Sarnen hochklassige Kammermusik, in der Trauer und Tod kein Tabu sind.
Gründer Matthias Enderle (links) und Agata Lazarczyk. (Bild: Romano Cuonz (Sarnen, Mittwoch, 23. Juni 2021))
Das Carmina Quartett begeisterte (von links): Matthias Enderle, Agata Lazarczyk, Wendy Champney und François Robin. (Bild: Romano Cuonz (Sarnen, Mittwoch, 23. Juni 2021))

Romano Cuonz

Romano Cuonz

«En Famille» lautet der Festivaltitel von «Erstklassik am Sarnersee» dieses Jahr. Fast ganz «Familiensache» ist denn auch das international erfolgreiche Schweizer Carmina Quartett. Gründer waren 1984 der Violinist Matthias Enderle und seine US-amerikanische Frau Wendy Champney (Viola). Seit 2018 spielen auch ihre Tochter Chiara Enderle Samatanga am Violoncello und deren Freundin Agata Lazarczyk (Violine) mit. So familiär ist der Auftritt in Sarnen geplant. Jedoch: Weil Tochter Chiara erkrankt, springt der französische Cellist Robin François kurzfristig in die Lücke. Damit verbunden ist eine Programmänderung: Man spielt neu Schuberts Quartett «Der Tod und das Mädchen». Die wohl sinnlichste Auseinandersetzung mit dem Sterben in der Musik!

«Gib mir deine Hand, du schön und zart Gebild! Bin Freund und komme nicht, zu strafen: Sei gutes Muts! Ich bin nicht wild, sollst sanft in meinen Armen schlafen.» Mit diesen Worten lockt der Tod im Gedicht von Matthias Claudius ein junges Mädchen in seine Arme. Franz Schubert hat es zunächst als Lied vertont. 1824 komponierte er dazu ein Quartett mit einer Spielzeit von 40 Minuten. Im «Andante con moto» greift er mit langsam schreitendem Rhythmus das Thema seines eigenen Liedes auf. Die morbide Stimmung muss den Komponisten sehr beschäftigt haben. Jedenfalls wählt er für dieses Werk eine ungewohnt schroffe und düstere Tonsprache. Der Tod behält, in Moll, das letzte Wort.

Musiker wissen die Akustik des Raumes zu nutzen

Damalige Musiker wollten es nicht spielen. Das Carmina Quartett aber zeigt über vier Sätze mit brillant gesetzten Punktierungen, Triolen und vor allem auch bei den nervösen Sechzehntel-Läufen, wie sehr es Schuberts Musik mitempfindet. Mit Feinheit loteten die vier Musiker, piano oder forte, die Akustik des «Chers» aus. Dass dabei das Cello – und nicht die Bratsche – auf der Aussenposition spielt, ist wohl erprobt. Die Klangbalance zwischen den Instrumenten und die Abstrahlung in den grossen Saal, sind kontrastreich. Gut hörbar wird, wie Schubert geradezu symphonische Qualitäten mit zarten kammermusikalischen Passagen verbindet. Ein Meisterwerk! Vom Carmina Quartett meisterlich gespielt.

Mendelssohns Hommage an Beethoven

Der achtzehnjährige Komponist Felix Mendelssohn Bartholdy nahm die komplexesten Streichquartette Beethovens als Vorbild und schuf mit seinem zweiten Streichquartett in a-Moll selbst etwas Neues, Richtungsweisendes. Das war 1827, im Todesjahr Beethovens. Tatsächlich darf das Werk in a-Moll als eine Art Abschiedslied auf den Tod des grossen Meisters verstanden werden. Jedenfalls experimentiert der junge Komponist mit einer ganzen Fülle offener oder versteckter Bezüge zu Themen und Werken Beethovens. Die langsame Einleitung im «Finale, Presto non lento» etwa, die am Ende wiederkehrt, greift ein Motiv aus der Klaviersonate «Les Adieux» auf. Das Carmina Quartett besticht bei seiner Interpretation mit Differenziert-heit und virtuosem Können. Hingerissen ist man, wenn im «Intermezzo» die harfenartigen Pizzicati schalkhaft aufblitzen.

Es ist wohltuend und schön, nach der Coronapause gerade dieses originelle romantische Frühwerk Mendelssohn Bartholdys zu Gehör zu bekommen. Vorgetragen, bald mit Geschwindigkeitsmärschen, bald mit nahezu zum Stillstand kommender Melancholie.

Das Carmina Quartett ist zum Abschluss des Festivals «Erstklassik am Sarnersee» nochmals zu hören: am 26. Juni um 20 Uhr im Kloster Engelberg.

Kommentare (0)