Reiden/Rothrist

Einbrecher entwenden Lastwagen – ein GPS-Tracker verrät sie

Nach dem Einbruch in eine Garage in Reiden endet die Flucht der Täter in Rothrist. Einer der beiden Männer wird festgenommen, der zweite entkommt.

Montagabend, kurz nach 22.30 Uhr: Zwei Männer tauchen auf dem Areal der Marti Nutzfahrzeuge AG an der Industriestrasse in Reiden auf. Bilder der Überwachungskamera dokumentieren, wie seelenruhig die Täter vorgehen. Erst machen sie sich am Gebäude zu schaffen. Dann ziehen sie sich wieder zurück.

Wenige Minuten später sind sie erneut da. Einer der Männer scheint immer wieder zu telefonieren. Schliesslich treten die beiden die Scheibe eines Tores ein und gelangen ins Gebäude. Im Bürotrakt lösen sie die Alarmanlage aus.

Zeitgleich geht auf dem Handy von Firmeninhaber Daniel Marti eine Meldung ein. An der Fassade beginnen ein Drehlicht und eine Aussensirene zu warnen. Marti schaut auf die Bilder: zwei Männer in Overalls, teilweise vermummt, zielstrebig. Er zögert nicht und alarmiert die Polizei. Als er wenig später auf dem Firmengelände eintrifft, steht ein grosses Tor offen. Der betriebseigene Volvo-Lastwagen samt dem Anhänger eines Kunden ist verschwunden.

Dass die Flucht nicht lange dauert, ist einer Verkettung glücklicher Umstände zu verdanken. Ein Nachbar und dessen Frau beobachten den Vorfall und alarmieren ebenfalls die Polizei. Noch entscheidender: Der Nachbar arbeitet bei jener Firma, der der gestohlene Anhänger gehört. Und dieser ist mit einem GPS-Tracker ausgerüstet.

Flucht endet in Rothrist

Gemeinsam mit einem Arbeitskollegen verfolgt der Mann die Fahrt des Lastwagens in Echtzeit und gibt den Standort laufend an die Polizei weiter. «Jetzt biegt er in die Bernstrasse in Rothrist ein. Nun fährt er in Richtung Murgenthal. Achtung, jetzt ist er auf Gelb», schildert Marti die Ortung. Gelb bedeutet: Das Fahrzeug steht. Dann greift die Kantonspolizei Aargau zu. Einen der beiden mutmasslichen Täter kann die Polizei auf einem Industriegelände in Rothrist festnehmen, dem zweiten gelingt die Flucht in die Dunkelheit.

«Der Schaden ist relativ klein. Nur die Scheibe muss ersetzt werden, zudem wurde ein Batterieladegerät ausgerissen und überfahren», sagt Marti. Dass der Schaden so gering geblieben sei, verdanke man den aufmerksamen Nachbarn, dem Mitarbeiter der Disposition sowie der Luzerner Polizei und der Kantonspolizei Aargau. «Ohne diese schnelle Reaktion weiss ich nicht, was mit dem Fahrzeug noch passiert wäre.» Gegen 2 Uhr nachts kann Marti den Sattelschlepper, der bereits fast 1,2 Millionen Kilometer auf dem Tacho hat, wieder abholen.

Beim festgenommenen Mann handelt es sich um einen 23-jährigen Franzosen. Er soll den gestohlenen Lastwagen gefahren haben. Einen gültigen Ausweis hatte er keinen. Bei der Festnahme habe sich der Mann «sehr aggressiv und renitent» verhalten, wie Simon Kopp, Sprecher der Staatsanwaltschaft, gegenüber Tele 1 sagte. Die Befragungen laufen. Dass die Männer aggressiv vorgingen, bestätigt auch Daniel Marti mit Blick auf die Aufnahmen der Überwachungskameras: «Das sieht man auf den Videos sehr gut.»

Polizei registriert fünf Fahrzeugdiebstähle in einer Nacht

Die Luzerner Strafverfolgungsbehörden stellen seit einiger Zeit eine Zunahme solcher Fahrzeugdiebstähle fest. «Allein in derselben Nacht sind im Kanton Luzern fünf Fahrzeuge gestohlen worden – vier Autos sowie der Lastwagen in Reiden», sagt Kopp.

Hinter solchen Taten stehen Gruppierungen, die gezielt in die Schweiz kommen, Fahrzeuge entwenden und diese anschliessend ins Ausland bringen wollen. Seit Monaten registrieren die Behörden eine Zunahme von Einbrüchen in Autogaragen. Das Bundesamt für Polizei (Fedpol) zählt seit Jahresbeginn mehr als 100 Einbrüche oder Einbruchsversuche.

Teils werden junge Täter aus Frankreich von kriminellen Netzwerken angeworben und für Diebstähle in der Schweiz eingesetzt. Mindestens 360 mutmassliche Handlanger hat das Fedpol seit 2025 identifiziert. Häufig erhalten diese Handlanger ihre Anweisungen aus der Ferne; teils müssen sie ihre Taten sogar filmen.

Genauso wie auf den Bildern der Überwachungsaufnahmen in Reiden: Einer der Täter scheint zu filmen und zu telefonieren. Ob er tatsächlich Anweisungen von Hintermännern erhält und ob die beiden Männer Teil eines solchen Netzwerks sind, ist unklar.

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