Luzern

Ein Quantensprung in der Landwirtschaft? Ein Ruswiler düngt mit Komposttee – und verzichtet auf Pestizide

Adrian Rubi verordnet eine Diät. Allerdings nicht Menschen, sondern Gräsern oder Bäumen. Damit will der «Ernährungsberater für Pflanzen», Jungunternehmer und Landwirt aus Ruswil nicht nur Bodenqualität und Pflanzenwachstum verbessern, sondern uns allen etwas Gutes tun.
Der Landwirt und Jungunternehmer Adrian Rubi aus Ruswil produziert Komposttee – und düngt damit seine Felder.

(Bild: Dominik Wunderli
(Ruswil, 3. Juli 2020))
Jacques Fuchs (Bild: PD)

Raphael Zemp

Raphael Zemp

«Wir brauchen einen Paradigmenwechsel in der Landwirtschaft.» Wer Teetrinken vorschlägt, will oft abwarten. Nicht so Adrian Rubi. Der 30-jährige Ruswiler ist braungebrannt, trotz kühlem Sommerwetter im T-Shirt – und ein überzeugter Gegner eines «Weiter-wie-Bishers». Es brauche einen Wandel, und zwar einen tiefgreifenden.

Bei Rubi steht dieser Wandel in einem ehemaligen Saustall hoch über Ruswil und kommt in unterschiedlich grossen Brausystemen daher – vom 20 Liter Fass bis zum 2000 Liter Tank: Ein bräunliches Kompost-Wasser-Gemisch, das nach frischer Wiese riecht und mit Hilfe einer Pumpe in ständiger Bewegung gehalten wird. Das also ist Komposttee. Jener Mikroben-Trunk, aus dem Rubis Träume gemacht sind – und der Böden, Pflanzen und nicht zuletzt auch den Menschen munter machen sollen.

Arme Erde

Doch wie genau? Indem er die Artenvielfalt im Boden steigert. Und das ist bitter nötig: Denn unsere Lebensgrundlage wird nicht nur zunehmend mit Asphalt und Teer überzogen, auf Jahrzehnte hinaus zubetoniert. Sondern auch das Zuhause von Würmern, Insekten und unzähligen Mikroorganismen ist am Verarmen. Zwar finden sich auch in pestizidgetränkten Schweizer Mittellandböden noch rund 8 Milliarden Bakterien, Protozoen, Amöben und Fadenwürmer – pro Teelöffel. Ihre Diversität aber hat in den vergangenen Jahren rapide abgenommen.

Und das hat weitreichende Folgen. Rubi, der an der Fachhochschule Zürich Umweltingenieurswesen studiert und vor vier Jahren abgeschlossen hatte, weiss dazu manch komplexen Vorgang und noch mehr Fachbegriffe zu nennen. Für den Laien lässt sich das Ganze aber auf eine simple Gleichung runterbrechen: Komposttee führt zu grösserer Diversität im Erdreich, was gesündere und widerstandsfähige Pflanzen wachsen lässt. Und das wiederum kommt dem Menschen gleich doppelt zugute: Zum einen müssen weniger oder gar keine Pestizide mehr eingesetzt werden. Zum anderen sind die Pflanzen reicher an wertvollen Mineralien und Spurenelemente. «Win-win» in Reinform.

Grosser Forschungsbedarf, wenig Geld

Aber auch wenn die positive Wirkung von Komposttee wissenschaftlich erwiesen ist (siehe Interview am Ende des Textes), klaffen in der Forschung noch zu Hauf Lücken. Einerseits, weil die Erforschung des Erdreichs auf Mikrobenebene noch in den Kinderschuhen steckt. Und andererseits, weil Kompost nicht gleich Kompost ist, was sich auch auf die Mikrobenzusammensetzung des Tees auswirkt. Viele Variablen, wenig Reproduzierbarkeit: «Da kapitulieren viele Wissenschaftler», glaubt Rubi.

Zudem ist Rubis Ansatz für die milliardenschwere Agrochemie wenig verlockend. Keine Frage: Rubi will mit der Produktion und der Erforschung von Komposttee Geld verdienen. Dazu hat er vor vier Jahren zusammen mit zwei Studienkollegen die Firma Edapro ins Leben gerufen – eine wichtige Einnahmequelle nebst seiner Arbeit als Züchter von Biomutterkühen. Aber: «Wenn wir unseren Job richtig machen, dann sind wir in 10 Jahren arbeitslos», sagt Rubi. Denn Komposttee soll auch ein Schritt aus dem Würgegriff der Agrochemie hin zur bäuerlichen Selbstbestimmung sein. «Denn im Prinzip kann jeder Komposttee selber herstellen – ohne teure Gerätschaften.»

Viele Antworten auf Klimawandel – im Boden

Allerdings: Das Wundermittel schlechthin ist Komposttee nicht. Das weiss auch Rubi, der die Mikrobenlösung vielmehr als ein Puzzleteil einer neuen, nachhaltigeren Landwirtschaft versteht. Einer Landwirtschaft, die nicht die Symptome mit Chemiekeulen bekämpft, sondern auf gesundem, arten- und humusreichem Boden fusst. Denn dieser halte die Antwort auf so viele drängende Herausforderungen parat. «Er ist strapazierfähiger, kann Wasser besser speichern und reinigen – und bindet erst noch viel klimaschädliches CO2

Däumchen drehen und auf eine pfannenfertige Lösung warten, ist nicht Rubis Art. Dazu ist er zu aufgeweckt, zu sehr Macher. Keiner, der sich in eine Schublade stecken lässt, der Bauernsohn und Wissenschafter ist, Wandervogel und Netflix-Fan. Und einer, der weder vor neuen Ideen noch Techniken zurückschreckt. So hat er vieles über Komposttee aus dem Internet erfahren, im stundenlangen Selbststudium von Youtube-Videos. Auf Internet und besonders Social Media setzt Rubi auch weiterhin: Um weiter dazuzulernen. Aber auch um seinen Komposttee bekannter zu machen.

Wie jeder Idealist mit einer gesunden Portion Pragmatismus weiss Rubi allerdings: Bis Veränderungen dieser Grössenordnung in den Köpfen ankommt, braucht es Zeit. «Viel Zeit». Vielleicht fliessen dank der Pestizid- und Trinkwasserinitiative («befürworte beide») bald mehr Geld «in die richtige Richtung», in eine nachhaltigere Richtung? Bis dahin tüftelt Rubi weiter an der perfekten Mikrobenmischung herum, lässt noch viele Liter Komposttee im Strudel herumwirbeln.

Komposttee: Kostengünstige Alternative oder bloss Hokuspokus?

Jacques Fuchs ist Wissenschafter am Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL) in Frick.

Was ist Komposttee: Wirksame, naturverträgliche und kostengünstige Alternative zum chemischen Pflanzenschutz oder bloss Hokuspokus?Die Wirkung von Komposttee konnte schon in einer Reihe von Studien und Arbeiten nachgewiesen werden, im In- und Ausland. Allerdings hält sie sich in Grenzen. Das hat eine eigene Studie gezeigt: Komposttee stärkt zwar die Pflanze, ist bei hohem Krankheitsdruck allerdings nutzlos – und kann Pestizide folglich nicht eins zu eins ersetzten.Worin liegen Vor- und Nachteile von Komposttee?Eine generelle Stärkung der Pflanze kann nie schaden. Allerdings ist Vorsicht geboten, wenn Komposttee etwa auf Salat gespritzt wird. Je nach Tee können sich darin Bestandteile befinden, die nicht verzehrt werden sollten.

Gibt es andere, vielversprechende Alternativen zu den chemischen Keulen, die bis dato auf Schweizer Felder und Äcker ausgetragen werden?

Da gibt es derzeit einige, vielversprechende Ansätze. Mit Tonmehlen wird etwa viel geforscht, aber auch mit verschiedenen Pflanzenextrakten und anderen nicht chemischen, für Bio-Höfe zugelassenen Mitteln. Wichtig aber ist, dass alternativer Pflanzenschutz nur ein Teilaspekt von vielen ist. Genauso entscheidend ist die Wahl der Sorten, die Anbaumethode. All das trägt dazu bei, wie gut eine Pflanze gedeiht. Ein Produkt das alle Probleme löst, gibt es nicht – und entspricht auch nicht der Idee von Bio.
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