«An den Paketdieb!» Dieser Satz liess mich stutzen, als ich vor einiger Zeit meinen Wohnblock verlassen wollte. Er stand auf einem Blatt Papier, das jemand neben die Eingangstür geklebt hatte. Ich hielt inne und las, was die anonyme Person auf dem Herzen hatte. Der Inhalt des Textes war zwar wenig erfreulich, aber die rhetorische Kunst dahinter faszinierte mich.
Ich erlaube mir deshalb, den Text hier in voller länge zu zitieren: «Glückwunsch, du armselige Gestalt! Du hast es tatsächlich geschafft, ein Paket aus dem Hauseingang zu klauen. Ein echter Erfolg, oder? Wie tief kann man sinken? Hoffentlich war der Inhalt genau das, was du brauchst – vielleicht ein bisschen Anstand und Würde? Aber nein, wer so dreist klaut, hat davon wohl noch nie gehört.»
Und weiter: «Falls doch noch ein Hauch von Gewissen in dir steckt: Bring das Paket zurück! Leise, unauffällig – keine Fragen. Einfach vor der Wohnungstür deponieren. Dann kannst du wenigstens noch ein bisschen Würde retten. Falls nicht, dann hoffe ich, dass du an deinem erbärmlichen Charakter erstickst. Echt armsündig!»
Fantastisch. Wenn das kein Schriftstück ist, das zu einer eingehenden Analyse einlädt, weiss ich auch nicht. Offenbar schreibt hier eine Person, die vor Wut regelrecht schäumt. So sehr, dass sie sogar ein neues Wort erfindet: «armsündig». Es scheint sich nicht um eine Verwechslung mit dem Adjektiv «armselig» zu handeln, denn dieses findet sich ja ganz am Anfang des Werkes. Nein, ich glaube, die Wortkreation erfolgte bewusst. Tatsächlich finde ich sie so schön, dass sie sich mittlerweile in meinen Passivwortschatz geschlichen hat. Mit der Bedeutung «noch armseliger als armselig».
Ich habe in der Stadt Luzern schon in mehreren Blöcken gewohnt, in denen viele Nachbarn ein- und ausgingen. Dort hing früher oder später immer ein ähnliches Blatt an der Wand. Die Frustration kann ich zwar nachvollziehen. Und doch frage ich mich jedes Mal, ob da nicht ein falscher Generalverdacht in den Raum gestellt wird. Denn es ist ja nicht erwiesen, dass tatsächlich ein Nachbar oder eine Nachbarin das Paket gestohlen hat.
Weiter würde mich interessieren, ob solche Aushänge jemals ein Paket zurückgebracht haben. Ich bezweifle es. Es geht wohl vor allem darum, dem eigenen Ärger Luft zu machen. Ich habe ohnehin leicht reden, denn mir wurde noch nie auf diese Weise etwas geklaut. Sollte mir das passieren, bin ich vielleicht der Nächste, der schreibt: «Echt armsündig!»

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