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Luzern

Dürfen Kirchen für die Konzernverantwortungsinitiative weibeln? Auch in Luzern gehen die Wogen hoch

Die Luzerner Kirchen befürworten die Initiative. Doch bei der aktiven Werbung gibt's grosse Unterschiede. Am weitesten gehen die Krienser Reformierten.
Die Reformierte Teilkirchgemeinde Kriens wirbt auf der Fassade der Johanneskirche für die Konzernverantwortungsinitiative. (Bild: Patrick Huerlimann (Kriens, 21. Oktober 2020))
Auch bei der Klimademo im April 2019 hat sich die Katholische Kirche der Stadt Luzern beteiligt: Die Uhr der Hofkirche zeigte während der Demonstration auf fünf vor zwölf.
(Bild: Dominik Wunderli (Luzern, 6. April 2019) )

Simon Mathis

Simon Mathis

Selten haben sich Kirchen und Kirchenvertreter so offen und pointiert zu einer Abstimmung geäussert, wie zur Konzernverantwortungsinitiative (KVI). Das gilt auch im Kanton Luzern: Die katholische und die reformierte Kirche unterstützen die KVI offiziell, wie der Website «Kirche für Konzernverantwortung» zu entnehmen ist. Zahlreiche Luzerner Pfarrpersonen und Theologen lassen sich auf der Website als Unterstützer zitieren. Auch der Basler Bischof Felix Gmür bekennt sich zur KVI. Das Bistum Chur hingegen hat sich dezidiert dagegen ausgesprochen, der KVI «den Status einer kirchlich approbierten Massnahme zu geben».

Im Kanton Luzern sind es vor allem Kirchgemeinden in der Agglomeration Luzern, die sich für die KVI positionieren. Ein besonders klares Zeichen setzt die Reformierte Teilkirchgemeinde Kriens. An der Fassade der Johanneskirche war bis letzte Woche ein grosses, gelbes Plakat zu sehen:

Pfarrer als« links-grüne Vollpfosten» beschimpft

Aus denkmalpflegerischen Gründen musste das Transparent inzwischen durch ein deutlich kleineres Banner ersetzt werden. Die Botschaft aber bleibt. Auch KVI-Flyer liegen in der Krienser Kirche auf. Man müsse immer sorgfältig abwägen, wann sich die Kirche zu einer politischen Stellungnahme «herausgefordert oder genötigt fühlen» sollte, sagt Pfarrer Karl Däppen. «Bei Menschenrechtsverletzungen und Umweltschäden ist aber eine Grenze erreicht, bei der Christen nicht schweigen dürfen», findet er. Die Reaktionen auf das Plakat seien sehr unterschiedlich ausgefallen. Däppen erzählt:

«Sie reichen von der Drohung, sofort aus der Kirche auszutreten, wenn wir das Plakat nicht entfernen, beleidigende Äusserungen, dass wir Pfarrpersonen ‹links-grüne Vollpfosten› seien, bis hin zu herzlichen Gratulationen.»

Däppen bezeichnet alle diese Reaktionen als «genial». Sie seien Zeichen für Engagement. Man habe sogar eine Spendenzusage erhalten; jemand hätte alle Kosten übernommen, wenn die Kirche das grössere Plakat an der Fassade rechtlich hätte durchsetzen wollen.

Katholiken Stadt Luzern: «Wir geben keine Parolen heraus»

Auch die Katholische Kirche Stadt Luzern setzt sich für die KVI ein. Bei der KVI gehe es um Themen, welche die Kirche unmittelbar betreffen, sagt Thomas Lang, Leiter des Pastoralraums Luzern Stadt: Menschenrechte, Nächstenliebe und Bewahrung der Schöpfung beziehungsweise Umweltschutz. «Dafür wollen wir uns aussprechen und klar positionieren.»

Allerdings habe sich die Kirche klare Regeln gegeben, wie sie sich in den politischen Diskurs einbringe, so Thomas Lang. Das sei eher selten. Die Katholische Kirche Stadt Luzern sei keine politische Partei, habe aber eine Meinung zu sachpolitischen Fragen. Lang präzisiert: «Mit Blick auf die KVI geben wir keine Parolen heraus. Es ist eher eine Positionierung.» Dabei achte und respektiere man auch andere Meinungen.

Die Kirche ziehe aber auch Grenzen der politischen Botschaft. «Wir haben uns dagegen entschieden, Fahnen an unseren Kirchengebäuden anzubringen», so Thomas Lang.

«Man wird also kein Ja-Banner an einem unserer Kirchtürme sehen.»

Man wolle keine einseitigen Parolen herausgeben, sondern Pro- und Kontra-Argumente sorgfältig abwägen. So berücksichtige die Berichterstattung im Pfarreiblatt Argumente der Befürworter und der Gegner. Auch ein Podium, das am 16. November stattfindet, sei paritätisch besetzt. «Christinnen und Christen können gegen die KVI sein», hält Lang fest. «Trotz klarer Positionierung ist uns ein gepflegter Dialog und eine freie Meinungsbildung äusserst wichtig.»

Reformierte Horw: «Selber denken, selber glauben»

Zurückhaltender verhält sich die Reformierte Kirche Horw. Sie verzichtet bewusst darauf, eine Parole herauszugeben. «Es ist nicht Aufgabe des Kirchenvorstands, eine Abstimmungsparole zu beschliessen oder Kandidaten für den Gemeinderat zu empfehlen», schreibt Pfarrer Jonas Oesch auf der offiziellen Website der Kirchgemeinde. Angesichts der politischen Pluralität der Horwer Reformierten wäre das vermessen, so Oesch.

«Als Pfarrer werde ich mich davor hüten, meinen ‹Schäfchen› zu sagen, wo sie nun auf dem Abstimmungszettel Ja oder Nein hinzuschreiben haben.»

Hierbei verweist Oesch auf das reformierte Motto: «Selber denken, selber glauben.» Anders als bei den Katholiken gebe es bei den Reformierte keine einheitliche Lehrmeinung, führt Oesch aus: «Uns ist wichtig, dass in unserer Kirchgemeinde Horwer mit den unterschiedlichsten Überzeugungen – sei dies nun im Blick auf den Glauben oder die Politik – miteinander im Gespräch sind.»

Andererseits kritisiert Oesch die Ansicht von Politikern, wonach sich die Kirchen politisch völlig neutral verhalten müssten: «Wenn jemand nach dem Evangelium und Jesus Christus lebt, wirkt sich das auf sein ganzes Leben aus, also auch auf sein Abstimmungsverhalten.» Es sei verständlich, dass sich viele Kirchen so pointiert wie sonst selten äussern, findet Oesch. Denn in der KVI gehe es um Kernthemen des christlichen Glaubens: die Schöpfung und die Menschenrechte. «Deshalb finde ich es unheimlich wichtig, dass wir uns als Gläubige mit der Initiative auseinandersetzen und uns als Christen in den politischen Diskurs einbringen», sagt Jonas Oesch. Ob sie schliesslich Ja oder Nein stimmen, sei ihre eigene Sache.

Die CVP im «C»-Clinch

Das bringt die CVP in die Bredouille: Die Partei, die zurzeit über das christliche «C» in ihrem Namen diskutiert, setzt sich national gegen die KVI und für den Gegenvorschlag ein. CVP-Präsident und KVI-Gegner Gerhard Pfister bezeichnete das Engagement der Kirchen im März als «sehr problematisch». Die Luzerner CVP hingegen zögert mit der Parolenfassung – sie tut dies erst am 18. November, kurz vor der Abstimmung.

Die Luzerner CVP-Ständerätin Andrea Gmür geht mit Gerhard Pfister einig: «Auch ich finde das Vorgehen vieler Kirchen sehr problematisch. Es ist nicht Aufgabe der Kirche, eine politische Kampagne zu führen. Und wenn zur UVI eine Predigt sein muss, weshalb eine so einseitige und unwidersprochene? Mir leuchtet nicht ein, weshalb eine Ablehnung der Initiative mit christlichen Werten unvereinbar sein sollte.»

Die KVI gebe zwar vor, für die Einhaltung der Menschenrechte und der Umweltstandards zu sorgen. Das sei ein Ziel, dem jeder zustimme – selbstverständlich auch sie. Jedoch befürchtet Gmür, dass die Initiative ihr Ziel verfehlt. «Der Weg ist falsch, die Umsetzung nicht praktikabel und das Vorgehen unfair gegenüber 99 Prozent der Unternehmen, die unter Generalverdacht gestellt werden», so die Ständerätin. Es seien zu viele Fragen offen.

«Wenn ich sehe, wie einfach argumentiert wird – wer Ja sagt ist ein guter Mensch, wer Nein sagt ein schlechter –, macht mir das schon Sorgen.»

Als überzeugte Christin sage sie Ja zu mehr Verantwortung für Schweizer Unternehmen, aber dezidiert Nein zur Unternehmensverantwortungsinitiative.

CVP-Nationalrätin: Predigen ja, Transparente aufhängen nein

Weniger Mühe mit dem kirchlichen Engagement hat die Luzerner CVP-Nationalrätin und KVI-Unterstützerin Priska Wismer. Allerdings: «Das kirchliche Engagement darf nicht zu einer Ablehnung oder Ausgrenzung von Andersdenkenden führen.» In einer Predigt aktuelle Themen zur Sprache zu bringen, halte sie für durchaus legitim. «Für mich ist es auch absolut klar, dass dabei immer die Persönlichkeit des Predigers erkennbar ist.» Kritischer sehe sie hingegen die Abgabe von Flyer und das Aufhängen von Transparenten. «Da steht nur die politische Parole im Vordergrund ohne die inhaltliche Auseinandersetzung und Erklärung», so Wismer. «Die kann Menschen anderer Meinung irritieren oder abschrecken.»

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