Christian Tschümperlin
Christian Tschümperlin
Christian Tschümperlin
Urs blättert in seinem vollen Terminkalender: Es ist fast ein normales Jahr in einer fast normalen WG. Nur wer genau hinschaut, merkt: Das wöchentliche Schwimmen und Turnen sind rot durchgestrichen in der Agenda. Dafür zeigt Urs stolz auf den 20. Juni. Es ist das Datum, an dem er mit seiner Mutter erstmals wieder einen Überraschungsausflug unternehmen durfte. Er strahlt über das ganze Gesicht. «Sie wird stolz sein, dass ich in der Zeitung bin.» Zeit für weitere Erklärungen bleibt nicht. Denn an diesem Abend wird Urs die Wochensitzung der Wohngruppe Arnika auf dem Stockwerk Attika leiten. Er hat alles gut vorbereitet.
Die Kuckucksuhr von Christoph, dem Mitbewohner von Urs, schlägt 18 Uhr. Christoph hatte einen epileptischen Anfall und Erika ist eigentlich krank. Jetzt wo Besuch da ist, geht es den beiden aber schon wieder viel besser. Christoph will deshalb an der Sitzung teilnehmen. Erika hat die Grippe erwischt und möchte – trotz negativem Coronatest – lieber niemanden anstecken. Sie zieht sich wieder in ihr Zimmer zurück. Unter dem Arm trägt sie Tee und Kapseln für ätherische Öle. «Das Öl ist ‹grüsig› aber es tut gut», sagt sie auf dem Weg zurück.
Kommunikation mit Gesten und Bildern
An der Wochensitzung wird schnell klar: Es ist ein eingespieltes Team, das hier im dritten Stockwerk des Hauses Brüsti bei der Stiftung Behindertenbetriebe Uri (SBU) seinen Abend zusammen verbringt. Urs, Christoph und Luzia wohnen schon seit fünf Jahren zusammen.
Erika stiess etwas später zur Gruppe, wurde aber wärmstens aufgenommen, wie Christoph versichert. Der Sozialpädagoge Lukas Gisler ist begleitend vor Ort, unterstützt aber nur gezielt und so weit wie notwendig. Später wird er sagen: «Die positive Gruppendynamik, die sich auf der WG entwickelt hat, freut mich sehr für die WG-Mitglieder und ist nicht selbstverständlich. Natürlich gibt es auch Spannungen und Differenzen. Aber wo gibt es das nicht, wenn mehrere Menschen zusammenleben.» Das Wohnangebot der SBU ist in drei verschiedene Segmente unterteilt: «Wohnen mit umfassender Begleitung», «im Ruhestand» und jenes mit «erhöhter Selbstständigkeit», zu der auch die WG Arnika gehört.
Auf der Traktandenliste stehen Dinge wie die Arbeit oder Ferien und Freizeit aber auch der Ämtliplan. Für jedes Thema hat sich die Wohngemeinschaft eine Geste zugelegt, unterstützend kommen Bilder zum Einsatz – damit auch Luzia versteht. Sie ist hörbeeinträchtigt und führt an diesem Abend das Protokoll. Wenn man deutlich spricht, kann sie der Konversation folgen.
Urs möchte gerne an einem Ausflug in die Aareschlucht teilnehmen. Das ist einer der sehr beliebten Tagesausflüge, die von den Lernenden FaBe (Fachfrauen und Fachmänner Betreuung) mit Unterstützung ihrer Berufsbildner für die Bewohner der SBU angeboten werden. Ein Blick in seinen vollen Terminkalender zeigt aber: Da ist er bereits mit Insieme im Tessin. Dafür kann er dieses Jahr beim Zirkus Mugg in Glarus mit dabei sein. Es wird sein zweiter Auftritt vor den vielen Eltern sein, die oft begeistert applaudieren, wie er erzählt. «Ich möchte jonglieren oder etwas mit Ringen machen», sagt Urs. Er mag Spiel und Spass, war bis vor kurzem auch in der «Pfadi trotz allem». Beim kunterbunten Pfadi-Zweig können auch Menschen mit Trisomie 21 mitmachen.
Spagat zwischen fein und gesund
Das mit dem Ämtlipan klappt bei der Wohngruppe sehr gut. Pro Wochentag kocht am Abend je eine Person für alle. An diesem Abend hatte sich Luzia pünktlich und kommentarlos die Schürze übergelegt, die Pfannen hervorgeholt und mit etwas Hilfe von Lukas Gisler und dem visualisierten Kochrezept einen feinen Milchreis mit Apfelmus in der WG-eigenen Küche zubereitet. Gegessen wurde zusammen:
«Luzia mag Milchreis, sie schreibt es immer auf den Menüplan», sagt Christoph. Alle lachen. Betreuer Lukas Gisler: «Natürlich dürfen alle ihre Wünsche einbringen. Sie erstellen ihren Wochenmenüplan gemeinsam und werden dabei von einer Betreuungsperson beratend unterstützt, damit darin auch eine gesunde und ausgewogene Ernährung nach den Grundsätzen der Ernährungspyramide berücksichtigt wird.» Dies sei manchmal ein Spagat zwischen fein und gesund. Gisler erklärt:
«Nicht nur beim Essen, auch im Lebensalltag ist es eine spannende Herausforderung, das stimmige Gleichgewicht zwischen Fürsorge und Wahrung der Autonomie zu finden»
Dass wegen Corona viele Aktivitäten zum 50-Jahr-Jubiläum der SBU ausfallen oder verschoben werden, stimme viele Bewohner zwar traurig, sie scheinen es aber laut Gisler nachvollziehen zu können. «Sie freuen sich natürlich auf die Zeit, wo dies gebührlich gefeiert werden kann.» Allgemein habe er die Erfahrung gemacht, dass sich die Bewohnerinnen und Bewohner mehrheitlich sehr gut auf die für sie wirklich sehr grossen Einschränkungen während des Lockdowns einstellen konnten. «Grosser Respekt und Dank dafür!»
Er ist der Daniel Düsentrieb der Truppe
Nun kann es Christoph kaum erwarten, dem Besuch sein grosses Werk zu zeigen. Er brennt darauf und lädt in seine privaten Räumlichkeiten ein. An der Wand sind viele Regale befestigt: Es reihen sich Lastwagen-Schlepper an Bagger und Pneukranen, zusammengesetzt aus Lego. «Ich bin ein riesiger Lego-Fan», sagt er. Doch sein aktuelles Projekt befindet sich am Boden: Er baut die Stiftung Behindertenbetriebe mit viel Liebe zum Detail nach. Umkreist wird die Anlage von einer Lego-Eisenbahn. Die Züge transportieren Lego-Kugeln, die über ein vierstufiges elektrisches Lego-Förderband mit Kiesgraber wegbefördert werden. Und Christoph erläutert:
«Vieles von dem, was man hier sieht, gibt es so nicht im Laden zu kaufen, ich habe es selber entworfen.»
Da ist etwa der Bahnübergang und die Signalanlage, die auf vorbeifahrende Züge reagieren. «Der hinterste Wagen hat auf der einen Seite den Stab, der vorderste auf der anderen Seite. Durch diesen Mechanismus reagieren Bahnübergang und Signalanlage.» Eine Skizze brauche er nicht, das entwerfe er alles im Kopf. «Manche nennen mich deshalb auch Daniel Düsentrieb.» Aber woher hat er seine Gabe? «Schon mein Vater hat es geliebt, aus Stein und Holz Engel zu machen», sagt Christoph und deutet auf ein Exemplar in der wohnlichen Stube. Er selber habe früh mit dem Schnitzen begonnen und so habe eins zum anderen geführt.
Christoph hat hie und da epileptische Anfälle. Darum sei er hier, wie er sagt. Doch sein Talent ermöglicht es ihm, produktiv tätig zu sein: Für die SBU-Werkstatt einerseits und für einen grösseren Arbeitgeber im Kanton andererseits. Sein grosser Traum ist es aber, in einer leeren Militärhalle ein Lego-Museum zu eröffnen. «Dann müsste ich meine Anlagen nicht wieder so schnell abbauen.» Sie sind sein grosser Stolz: Am SBU-Miniaturbau hatte er seit diesem Februar gearbeitet und jetzt ist er fast fertig.
Gemeinsam sind sie stark
Für das Viererteam im Haus Brüsti endet damit ein ganz normaler Wochentag schon bald. Auf der Terrasse im dritten Stock hat man einen tollen Blick auf den Bälmeten, Gitschen und die umliegenden Berge. Draussen sagt Lukas Gisler zum Abschluss: «Die SBU bietet einen wichtigen Beitrag, damit Menschen mit einer Beeinträchtigung ein Teil unserer Gemeinschaft sein können, dass sie sich darin akzeptiert und wertgeschätzt fühlen.» Dies sei ein stetiger Entwicklungsprozess. «Ich freue mich, als Angestellter in der SBU, ein Teil davon zu sein und die Weiterentwicklung mitzugestalten – ganz im Sinne vom Jubiläums-Motto: ‹Zämä vorwärts bewegä›.»



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