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Soziologischer Standpunkt

Die Tyrannei der Transparenz

Transparenz und Information gelten als gemeinhin gut, dabei bergen sie die Gefahr von Überforderung und Lähmung.

«Fiat lux» – es werde Licht, heisst es in der Schöpfungsgeschichte. Ähnlich klingt es, wenn ein Unternehmen bei einer Reformübung verkündet, auf mehr Transparenz und Information zu setzen.

Transparenz gilt in unserer modernen Gesellschaft als etwas gemeinhin Gutes und Erstrebenswertes. Wer könnte schon etwas gegen Transparenz haben? Es sei denn, man hat sprichwörtlich «Leichen im Keller». Mit Transparenz wird Effizienz, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit verbunden. Aber ist das Streben nach Transparenz tatsächlich so unkritisch als genuin gut zu bewerten, wie es oft getan wird?

Roman Gibel.
Bild: zvg

Der Organisationssoziologe Haridimos Tsoukas stellte bereits 1997, also noch vor der Zeit von Social Media und den schnellen Bandbreiten des Internets, die folgende Frage: Welche negativen Effekte hat die zunehmende Transparenz in Form allgegenwärtiger Verfügbarkeit von Information auf unsere Gesellschaft?

Er stellte sich damit gegen die damals und bis heute nachwirkende populäre These, dass eine Informationsgesellschaft innovativer, dynamischer und gerechter wäre. Tsoukas warnte aber nicht vorschnell vor düsteren Kontrolldystopien, wie sie aus Romanen wie Orwells 1984 mit dem alles überwachenden Staatsapparat bekannt sind. Stattdessen strich er Effekte heraus, die uns heute, 28 Jahre nach seiner Publikation, nur allzu vertraut vorkommen.

Tsoukas zufolge stehen Information (und deren Verfügbarkeit) und Wissen in einem paradoxen Verhältnis: Je mehr verfügbare Information, desto weniger weiss und versteht man tatsächlich. Dieses Paradox zeigt sich auch im Vertrauen, das wir zu Mitmenschen und Institutionen aufbauen. Je mehr Information zur Verfügung steht, desto weniger Vertrauen herrscht. Weil wo Information ist, wird Vertrauen obsolet, beispielsweise im Ärztin-Patienten-Verhältnis. Dieses beruht auf Vertrauen in das Können der Mediziner und leidet, würden etwa Live-Übertragungen von Operationen plötzlich zeigen, dass auch im OP-Saal Witze gemacht werden oder laute Musik läuft.

Dazu kommt: Wer immer und überall die Möglichkeit hat, Dinge zu googeln und zu überprüfen, setzt sich dem hastigen Vorwurf der vorsätzlichen Lüge aus, denn schliesslich hätte man es ja nachschauen können. Eine gesellige Diskussionsrunde ist so spätestens dann zu Ende, wenn die erste Person ihr Handy zückt, um das Gesagte zu überprüfen.

Dabei sind gerade Organisationen darauf angewiesen, dass es eben Bereiche gibt, die nicht durchleuchtet sind – sei es bei der Kaffeemaschine, wo die aktuellen Firmengerüchte ausgetauscht werden, oder in der kurzen inoffiziellen Pause, die es braucht, um einen klaren Kopf zu bekommen.

Transparenz und Informationsflut führen also viel eher zu einer Überforderung und Lähmung, als dass sie Effizienz und Leistung förderten. Tsoukas muss Goethe gelesen haben, denn er hatte geahnt: Wo viel Licht ist, ist starker Schatten.

In der Kolumne «Soziologischer Standpunkt» äussern sich Soziologinnen und Soziologen der Universität Luzern zu Gesellschaftsthemen. Quelle: Tsoukas, H. (1997). The Tyranny of Light. The temptations and the paradoxes of the information society. Futures, 29(9), 827–843.

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