Simon Mathis
Simon Mathis
Es war ein Schritt, der sowohl Verwunderung als auch Kritik auf sich zog: 2016 kauften die Verkehrsbetriebe Luzern (VBL) den Stanser Familienbetrieb Thepra AG, der im Auftrag der Postauto AG die Postauto-Linien in Nidwalden betrieb. Recherchen unserer Zeitung zeigen nun: Wäre es nach den VBL gegangen, wäre die Thepra nur die erste Akquisition von vielen gewesen. Vor einigen Jahren befand sich das Luzerner ÖV-Unternehmen nämlich voll auf Expansionskurs. Hätte die Postauto AG die Verkehrsbetriebe nicht ausgebremst, sähe die Innerschweizer ÖV-Landschaft heute wohl ganz anders aus.
Doch zuerst zurück ins Jahr 2000. Die Verkehrsbetriebe, vorher noch Teil der Luzerner Stadtverwaltung, wurden privatisiert. Politisch stand die Sorge im Vordergrund, ohne Liberalisierung könne sich die VBL im ÖV-Markt nicht mehr behaupten. Im September befürworteten die Stadtluzerner Stimmberechtigten die Ausgliederung in die Verkehrsbetriebe Luzern AG. Die Stadt Luzern stattete die Aktiengesellschaft mit einem Kapital von 20 Millionen Franken aus – plus 10 Millionen Franken Rekrutierungsreserve.
Zwischen Gewinndruck und öffentlichem Auftrag
Vorerst verzichtete die Stadt darauf, von den VBL eine Dividende zu verlangen – eine solche entrichteten die Verkehrsbetriebe erstmals im Jahr 2007, wie der aktuelle Untersuchungsbericht zum VBL-Subventionsdebakel festhält. Wir spulen vor ins Jahr 2010: Die Verkehrsbetriebe werden zu einer Holding mit Mutter- und Tochterfirma. Der wichtigste Grund für die Umstrukturierung sei gewesen, weiterhin Gewinne für die Stadt Luzern als Eignerin «ins Trockene bringen» zu können, heisst es im Bericht.
Mit hinein gespielt habe zudem der zumindest implizite Wunsch der VBL, die Transparenz gegenüber den ÖV-Bestellern zu verschlechtern. Zur Erinnerung: Erst die Holdingstruktur machte die Verrechnungsart möglich, die zu den anscheinend unrechtmässigen Subventionseinnahmen von 16 Millionen Franken führte.
An die Stadt Luzern wurden laut eigenen Angaben zwischen 2010 und 2017 rund 8 Millionen Franken an Dividenden ausgeschüttet. Diese Dividenden bestimmten offenbar das Handeln der VBL. Im vergangenen September etwa sagte Direktor Norbert Schmassmann, mit der Holdingstruktur habe man versucht, einen Spagat zwischen den Regulatorien und den Erwartungen der Stadt zu machen. Anders gesagt: Die Strategie der VBL spielte sich im Spannungsfeld zwischen öffentlichem Auftrag und unternehmerischer Logik ab.
Kampf um Innerschweizer Buslinien
Ein Ausdruck dieses Unternehmertums war die Übernahme der Postauto-Partnerin Thepra AG im Jahr 2016. Das sorge für Aufsehen – und für Bedenken. Von verschiedener Seite wurde hinterfragt, ob es die Aufgabe eines subventionierten ÖV-Unternehmens sein sollte, in andere Kantone zu expandieren. Nun aber zeigt sich: Die VBL wollten ab 2016 weitere Partner von Postauto in der Innerschweiz aufkaufen. Dies geht aus Gesprächen mit damals involvierten Personen hervor, die anonym bleiben wollen.
Dazu muss man wissen: Postauto arbeitet seit jeher mit Subunternehmern – früher Postauto-Halter, heute Postauto-Unternehmer. Rund die Hälfte der gesamtschweizerisch durch Postauto betriebenen ÖV-Linien wird durch lokale Transportunternehmen und Firmen betrieben. Und genau jene lokalen Auftragnehmer hatten die VBL im Visier.
Die Erzählungen decken einen heimlichen Schlagabtausch zwischen Postauto und VBL auf. Innerhalb der Postauto AG war man offenbar irritiert über den abrupten Kauf der Thepra AG. Der Besitzerwechsel erwischte Postauto auf dem falschen Fuss. Da das Transportunternehmen vorgängig nicht informiert wurde und vor vollendete Tatsachen gestellt wurde, empfand man das Vorgehen als «unfair» und «viel zu kurzfristig». Als zusätzliches Problem sah man die Tatsache, dass mit den VBL nun plötzlich ein direkter Konkurrent Auftragnehmer von Postauto wurde.
Postauto fürchtete Monopolisierung
In der Folge vernahm Postauto, dass die VBL bei verschiedenen anderen Innerschweizer Postauto-Unternehmen Kaufinteresse signalisierte. Konkret betraf dies die Kantone Obwalden und Luzern. «Da die Betriebe ihrem Auftraggeber gegenüber loyal waren, haben sie Postauto jeweils über die Pläne der VBL informiert – und in den meisten Fällen auf einen Verkauf verzichtet», sagt eine involvierte Person. In einzelnen Fällen übte Postauto zusätzlichen Druck aus; da das Unternehmen die Konzessionen für die Buslinien vom Bundesamt für Verkehr besass, war es am längeren Hebel. So wurden weitere Übernahmen verhindert.
Über die Berechtigung des VBL-Expansionskurses herrschten unterschiedliche Meinungen. Es gab auch die Ansicht, es liege in der Natur eines Unternehmens, wachsen zu wollen. Offenbar machte aber auch die Frage die Runde, wie sich die VBL all diese geplanten Übernahmen überhaupt leisten konnte. Die Postauto AG opponierte laut Quellen vor allem deshalb, weil sie eine Monopolstellung der VBL in der Region um Luzern verhindern wollte. Eine involvierte Person sagt:
«Postauto arbeitete bewusst mit kleineren Unternehmen zusammen, um die Wertschöpfung in der Gemeinde beziehungsweise im Kanton zu lassen.»
Die Strategie der VBL hingegen stand in direktem Gegensatz zu dieser Philosophie.
Die Philosophie der VBL hingegen war offenbar Wachstum. Das zeigt auch eine Aussage, die Norbert Schmassmann im Mai 2017 anlässlich einer Pressekonferenz machte: Mit dem Kauf der Thepra AG habe man das «Einzugsgebiet vergrössern» können. «Heutzutage muss man grösser denken», sagte Schmassmann damals.
Verkehrsbetriebe in Obwalden ausgebremst
«Die VBL spielten regelrecht mit Postauto», sagt eine beteiligte Person.
«Sie umgarnten die damaligen Postauto-Unternehmer mit einfachsten Mitteln; mit Geschenken etwa.»
Um eine drohende Wiederholung des Falles Thepra zu verhindern, entschied sich Postauto offenbar dazu, die Obwaldner Linien selbst zu betreiben. Das war 2018. So lief die Expansionslust der Verkehrsbetriebe ins Leere.
Für weitere Missstimmung soll der Plan der Verkehrsbetriebe gesorgt haben, immer häufiger die blauen VBL-Busse in Nidwalden einzusetzen. Es entstand der Eindruck, man wolle «Postauto aus dem Markt verdrängen». Insgesamt könne man feststellen, dass «die VBL eine faire und partnerschaftliche Zusammenarbeit vermissen liessen».
Bekanntermassen hat sich Postauto entschieden, nach erfolgreicher Einführung und Betrieb in Sarnen auch die Linien in Nidwalden ab Fahrplanwechsel 2020 in Eigenregie zu betreiben. Damit ist das Kapitel der VBL-Expansion nun definitiv abgeschlossen.
Expansion als «mögliche Form»
Die VBL selbst geben nur in groben Zügen Auskunft zu ihrer Expansionsstrategie. Der Kostendruck in der ÖV-Branche sei hoch, schreibt Beat Nater, Leiter Markt & Vertrieb. Im Sinne eines effizienten Einsatzes der Mittel sei es «legitim und sogar Pflicht jeder Transportunternehmung, sich in ihrer Strategie Gedanken zu machen, wie sie in verschiedensten Bereichen Synergieeffekte erzielen könnte», fährt er fort.
«Eine mögliche Form ist immer die Expansion, da erst eine gewisse Grösse solche Effekte ermöglicht.»
Am erfolgversprechendsten sei es, wenn «man sich in Geschäftsfeldern betätigt, die man selber auch beherrscht», so Nater. Als Beispiel dafür nennt er den Betrieb der Thepra AG: In den Kundenzufriedenheitsumfragen habe sie regelmässig als beste Postauto-Unternehmung der Zentralschweiz abgeschnitten, betont er.
Weiter widerspricht Nater der Darstellung, ein partnerschaftlicher Austausch mit Postauto sei schwierig gewesen: «Das Personal war sehr zufrieden und auch mit der Postauto AG pflegte man bis auf höchster Ebene einen guten und konstruktiven Austausch.» Die VBL würden auch in anderen Bereichen mit der Postauto AG seit Jahren erfolgreich zusammenarbeiten.
Dass die Thepra AG ihren Transportauftrag nach über 30 Jahren als Postauto-Unternehmen nicht mehr weiterführen könne, bedaure die VBL. Das Ende des Vertrages führt Beat Nater allerdings darauf zurück, dass «Postauto ihrerseits ebenfalls Synergien nutzen» wolle. Das sei verständlich. «Die VBL wünschen Postauto viel Erfolg», so Nater.
«Wir zählen auf weitere gute Zusammenarbeit in anderen Bereichen.»
Luzerner Stadtrat hiess Strategie gut
Laut Stadträtin Franziska Bitzi Staub (CVP) hat «die Stadt Luzern als Eignerin in der Eignerstrategie eine geografische Expansion grundsätzlich ermöglicht und gutgeheissen». Die VBL habe an den Eignergesprächen jeweils über mögliche Akquisitionen informiert. «Die konkreten Verhandlungen wurden jedoch vertraulich geführt», so Bitzi. «Detailinformationen lagen dem Stadtrat daher nicht vor, insbesondere weil ja das Geschäft nicht zu Stande kam.»
Die Frage, mit welchen Mitteln eine solche Expansion finanziert werden sollte, bleibt sowohl vonseiten VBL als auch vonseiten Stadt unbeantwortet.


Kommentare
Bitte beachten Sie unsere Richtlinien, die Kommentare werden von uns moderiert.
Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare geschrieben.