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Luzern

Die Architektur der 40er-Jahre – bauen als Heilmittel?

In seinem Gastbeitrag erklärt Dieter Geissbühler von der Hochschule Luzern, weshalb ein Buch über den Architekturdiskurs nach 1940 eine grosse Aktualität erhält.
Die Allmend-Kaserne in Luzern, entworfen von Armin Meili. (Bild: Deliah Schmid, Hochschule Luzern - Technik & Architektur)

Dieter Geissbühler*

In den Vierzigerjahren, so ein verbreitetes Vorurteil, habe in der Architektur eine schöpferische Pause geherrscht. Erst nach dem 2. Weltkrieg sei mit dem Wirtschaftswachstum die Kreativität wieder aufgeblüht.

Ein neues Buch des Kulturhistorikers Stanislaus von Moos widerlegt dies engagiert: «Erste Hilfe – der Architekturdiskurs nach 1940». Der Autor hat seine Wurzeln in der Zentralschweiz; sein Heimatbezug ist der Ausgangspunkt für den Blick weit in die Welt hinaus, was ihm seine internationale Bedeutung verleiht.

Diese Interaktion von regionaler Verankerung und internationaler Vernetzung in der Architektur ist ein Thema seines Werks, das deshalb auch Stadtwanderern in Luzern neue Impulse zu geben vermag. Wobei es zum Teil einen Blick in die Bibliothek braucht, denn einige der ikonischen Gebäude wurden mittlerweile durch neue ersetzt, so zum Beispiel das Kunst- und Kongresshaus, der Vorgängerbau des heutigen KKL.

Was Stanislaus von Moos aufzeigt, und was ihn heute so aktuell macht, ist die These, dass gerade die Zerstörung des Krieges grosse geistige Kräfte freigesetzt hat. Die moderne Architekturposition der Vorkriegsjahre war repräsentiert durch die Leitfigur Le Corbusier und sein Credo der Tabula Rasa: Die historische Stadt sollte aufgelöst werden, um eine neue funktionale Stadt – vor allem die autogerechte, hygienische Stadt – in Reinform zu kreieren.

Umgesetzt allerdings konnte diese Idee kaum werden. Stanislaus vom Moos führt aus, wie diese für Architekten und Stadtplaner frustrierende Situation dazu führte, dass die Zerstörungen, die sich zu diesem Zeitpunkt erst abzeichneten, fast schon mit Erleichterung aufgenommen wurden. Daraus entstand eine Faszination für die Ruine und daraus wiederum der Drang zur (architektonischen) Ersten Hilfe – Wiederaufbau war angesagt, in der Geisteshaltung der Gesellschaft und in der Architektur.

Natürlich sieht Stanislaus von Moos die komplexen Beweggründe hinter der kreativen Schöpfung; anders als es hier in der Verkürzung scheinen mag, zeigt er auch auf, dass einfache, eindeutige Erklärungen der Realität nicht gerecht zu werden vermögen, und dass Kreativität immer in vielfältigen Zusammenhängen entsteht.

Eine architektonische und politische Persönlichkeit, die die vielen Aspekte der Vierzigerjahre hierzulande beispielhaft verkörpert, ist der Zentralschweizer Armin Meili, Direktor der Landi 1939. Mit dem Kunst- und Kongresshaus, dem Vorgängerbau des KKL, baute er eine fast schon emblematische Ikone, die diesem Paradox «in der Zerstörung eine Chance sehen» zuzuordnen ist.

Dazu gehört dann eben nicht nur der Bau selbst, sondern auch etwas übersteigerte Vorgängerprojekte wie das monumentale Projekt von Gerhard Utinger aus dem Jahre 1938 für ein «Forum der Kunst der Völker», das vom jetzigen KKL bis zur Warteggrippe gereicht hätte. Von Meili in Luzern heute noch zu sehen sind in Luzern das Burgertor (Burgerstrasse 22), die Allmend-Kaserne oder das Schulhaus Kalofen in Grosswangen.

Stanislaus von Moos beleuchtet ein Spannungsfeld, dem bei der Bewältigung aktueller globaler Krisen eine grosse Bedeutung zukommt. Vor einigen Wochen, vor dem Kriegsbeginn in der Ukraine, habe ich in einer Rezension geschrieben: Da wir uns heute wohl in einer ähnlichen Krisensituation befinden wie anno 1940, wobei die Zerstörung nicht mehr aus dem Bombenhagel ihre einprägsame Erscheinung besitzt, sondern in der schleichenden Destabilisierung unseres Planeten, erhält das Projekt eine grosse Aktualität. Das hat sich insofern verändert, als nun auch die Bilder der Zerstörung von Städten wieder präsent sind. So erhält das Buch eine über den Fachbereich hinausreichende Aktualität.

*Dieter Geissbühler von der Hochschule Luzern ist Co-Leiter der CAS Baukultur. Am 3. Mai findet von 19 bis 20.30 Uhr an der Hochschule Luzern, Technik & Architektur in Horw ein Podiumsgespräch zum Buch statt. Daran nimmt neben Stanislaus von Moos auch Dieter Geissbühler teil.

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