Roseline Troxler
Für viele Schulkinder gehört das Erlernen eines Instrumentes genauso zur Schulkarriere wie das Lernen einer Fremdsprache oder der Sportunterricht. Gab es einst in beinahe jeder Luzerner Gemeinde eine Musikschule, hat sich deren Zahl in den letzten Jahren stark reduziert.
Vorgaben wurden bereits 2014 verschärft
Der Grund: Der Kanton Luzern hat Vorgaben im Hinblick auf die Grösse der Musikschulen gemacht. So hat er die geforderte Zahl der Fachbelegungen ab August 2014 pro Schule bei mindestens 200 festgelegt. Zu kleine Musikschulen mussten mit einer anderen Schule fusionieren oder sich einer grösseren Schule anschliessen, um weiterhin von Kantonsbeiträgen zu profitieren. Der Kanton zahlt heute pro Schüler jährlich durchschnittlich 1075 Franken an die Musikschulen. Der Beitrag variiert allerdings je nach Dauer der Lektion oder der Art des Unterrichts. Bei den Fachbelegungen handelt es sich um die Anzahl Fächer, welche die Schüler besuchen.
Ein Musikschüler kann etwa in den Geigenunterricht gehen und gleichzeitig noch ein Ensemble besuchen. Dies entspricht zwei Fachbelegungen. Durch die Mindestgrösse von 200 Fachbelegungen hat die Zahl der Musikschulen von rund 60 auf zirka 40 abgenommen. In der Zwischenzeit werden gar nur noch 30 Schulen geführt. Dies liegt laut Charles Vincent, Leiter der Dienststelle Volksschulbildung, daran, dass sich weitere Schulen freiwillig zusammengeschlossen haben, um Synergien zu nutzen.
Vorgeschriebene Zahl der Fachbelegungen neu bei 500
Nun soll sich die Zahl der Musikschulen erneut reduzieren. Auf Anfrage erklärt Charles Vincent den Hintergrund der Massnahme: «Im Rahmen der Vorbereitung und Behandlung der Aufgaben- und Finanzreform 18 wurde eine Reduktion der Anzahl Musikschulen auf zirka 20 Schulen verlangt. Und diese Forderung kann nur über eine Erhöhung der Fachbelegungen umgesetzt werden.» So soll die Zahl der Fachbelegungen von 200 auf 500 ansteigen.
In der Abstimmungsbotschaft zur Aufgaben- und Finanzreform (AFR) 18 heisst es: «Der Kanton entrichtet jenen Musikschulen, welche seine Qualitätsvorgaben einhalten, Staatsbeiträge an die Betriebskosten.»
Geht es bei der Massnahme um eine Sparübung? Vincent verneint und verweist darauf, «dass grössere Musikschulen auch zu grösseren Zeitgefässen für die Musikschulleitungen führen, was zu einer professionelleren Bearbeitung der Aufgaben führt». Er nennt als Beispiel die Personalführung oder das Qualitätsmanagement. Zudem haben grössere Musikschulen laut dem Dienststellenleiter auch für die Lehrpersonen einen Vorteil, da sie möglicherweise an einer Schule mehr Lektionen unterrichten können. Er betont im Hinblick auf die Erhöhung der Fachbelegungen in den letzten Jahren:
«Trotz der Reduktion der Musikschulen findet der Unterricht weiterhin praktisch an allen Schulorten statt.»
Die Kinder könnten – mit Ausnahme von selten belegten Instrumenten – den Unterricht immer noch in der Nähe besuchen.
So kommt der Entscheid bei den Musikschulen an
Der Entscheid zur Erhöhung der geforderten Fachbelegungen hat der Kanton den Musikschulen vor kurzem kommuniziert. Für die Umsetzung besteht eine Frist bis zum Schuljahr 2022/23. Die neuen Vorgaben kommen unterschiedlich an. Franz Gehrig, Leiter der Musikschule Hergiswil-Menznau:
«Ich akzeptiere diesen Entscheid und finde ihn grundsätzlich richtig.»
Um die kantonalen Anforderungen an die Qualitätsentwicklung sowie
-sicherung zu erfüllen sei es von Vorteil, wenn die Musikschulen eine «sinnvolle Grösse» hätten. «Ich will damit nicht sagen, dass unsere Musikschule in der aktuellen Situation mit rund 320 Fachbelegungen die Qualität nicht sicherstellen kann.» Aber die Umsetzung des Bildungs- und Kulturauftrages verlange eine professionelle Führung mit entsprechendem Pensum. «Für die Musikschule Hergiswil-Menznau bedeutet dies, dass nun auf politischer Ebene ein passender Zusammenschluss mit einer anderen Musikschule geprüft und diskutiert wird.» Dabei sei wichtig, dass der Unterricht weiterhin in den Dörfern angeboten werden kann und der Nachwuchs für die Vereine gewährleistet ist.
Rolf Stirnemann, Leiter der Musikschule Triengen, möchte keinen persönlichen Kommentar zu den neuen Weisungen abgeben. Er führt aber aus:
«Die Musikschule Triengen, eine seit 46 Jahren funktionierende Institution, erreicht die neu definierte ‹sinnvolle Grösse› von 500 Fachbelegungen nicht.»
Die relevante Zahl der Fachbelegungen liegt in Triengen bei 225. Eine Arbeitsgruppe befasst sich laut Stirnemann mit dem weiteren Vorgehen und prüft mögliche Optionen.
Bereits konkreter sieht es in Wauwil aus. Die Gemeinde hat bei der Musikschule Region Schötz gekündigt und will sich der Musikschule Region Sursee anschliessen – wegen der Anzahl Fachbelegungen, wie der Gemeinderat gegenüber dem «Willisauer Bote» sagte. «Den Austritt haben wir mit Bedauern zur Kenntnis genommen», so Werner Eggenberger. Er ist als Gemeinderat von Schötz für das Ressort Bildung verantwortlich. Nachdem Schötz über die neuen Vorgaben informiert wurde, «werden wir uns mit der Zukunft unserer Musikschule sehr zeitnah auseinandersetzen», sagt der Gemeinderat. Mit Egolzwil und Wauwil zusammen zählt die Musikschule Schötz 400 Fachbelegungen. Die neuen Vorgaben bedeuten laut Eggenberger eine grosse Umstellung, welche sich hoffentlich auch positiv auf die Betriebskosten auswirke. «Zu Gunsten der Attraktivität unserer Musikschulangebote für Lernende wie auch zu Gunsten der Pensen der Musiklehrpersonen befürworten wir die Erhöhung der Fachbelegungen.»
Schweizer Verband empfiehlt noch eine höhere Anzahl Fachbelegungen
Auch der Verband der Musikschulen des Kantons Luzern begrüsst die neuen Vorgaben. VML-Präsident Franz Grimm: «Es ist ein absolut richtiger und wichtiger Schritt für die Entwicklung der Musikschulen im Kanton Luzern. Die Musikschule von morgen stellt die Musikschulleitenden vor grosse Herausforderungen.» Der Verband der Musikschulen Schweiz und andere Fachgremien empfehlen laut Grimm gar noch eine höhere Anzahl Fachbelegungen. Der Präsident des VML unterstreicht ausserdem: «Der Unterricht von ‹gängigen› Instrumenten kann weiterhin in jedem Dorf angeboten werden. Die Seele der Musik bleibt in den Dörfern und die Musikvereine werden weiterhin ihren Nachwuchs bekommen.»
Die Erhöhung der Fachbelegungen in den letzten Jahren hat laut Grimm dazu geführt, dass das Fächerangebot, die Tarife und der Anmeldeprozess in den Gemeinden vereinheitlicht wurden.
«Die Lernenden erhalten ein besseres Angebot, insbesondere im Ensemblebereich, da mehrere und stufengerechtere Ensembles gebildet werden können.»
Die Lehrerinnen und Lehrer würden von einem professionelleren Arbeitsumfeld und einer grösseren Pensensicherheit profitieren.

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