Uri

Der «dritte Bruder» in der Dätwyler-Führung

Als engster Vertrauter von Peter und Max Dätwyler hat Edmund Hohl die Geschichte der «Guumi» bis zur Jahrtausendwende wesentlich mitgeprägt. Am 22. Januar ist der gebürtige Appenzeller 91-jährig gestorben.
Alte Freunde: Edmund Hohl (Mitte) mit Max Dätwyler und Kurt Zurfluh (rechts), dem Schöpfer des Dätwyler Archivs. Alle drei sind innerhalb von zwei Monaten gestorben.
(Bild: PD)
Edmund Hohl bei seiner Verabschiedung als Verwaltungsrat im Mai 2000. Rechts: Franz Josef Würth, der für Dätwyler das Pharmageschäft aufbaute. (Bild: PD)

Christoph Zurfluh

Christoph Zurfluh

Es ist eine schicksalhafte Begegnung. Mitte der 1940er-Jahre treffen sich an der Kantonsschule Trogen AR zwei junge Männer. Der eine Fabrikantensohn, der andere aus einfacheren Verhältnissen, aber beide blitzgescheit und ambitioniert. Schnell finden sie sich, werden Freunde. Und bleiben sich ein Leben lang treu.

Der eine ist Max Dätwyler, der seine Ausbildung nicht im erzkatholischen Kanton Uri machen soll und von seinen Eltern deshalb ins Appenzellerland geschickt wird; hier drückt bereits sein Bruder Peter die Schulbank. Der andere ist Edmund Hohl, der in Trogen zu Hause ist. Sein Vater ist Lehrer und später 30 Jahre lang Polizeichef von Appenzell Ausserrhoden sowie Mitglied des Bezirks- und Obergerichts. Seine Mutter kümmert sich um die Familie, zu der noch zwei Töchter gehören. Edi, wie er von seinen Freunden genannt wird, ist der Jüngste.

Er bleibt ein Leben lang bescheiden

Edi und Max gehen in dieselbe Klasse. Das Lernen fällt ihnen leicht, und sie absolvieren ihre Mittelschulzeit mit Links. Anschliessend studieren sie. Edmund Hohl geht an die Uni Bern, wird erst Wirtschaftswissenschafter, danach macht er noch «schnell» ein Rechtsstudium, das er mit dem Doktorat abschliesst. Bestimmt ist er ein wenig getrieben von seinem Ehrgeiz. Vor allem aber ist er wissbegierig und weiss immer genau, was er will. Meist erreicht er sein Ziel. Dennoch bleibt Edmund Hohl ein Leben lang bescheiden. Er zieht lieber die Fäden im Hintergrund und lässt anderen den Platz im Scheinwerferlicht. Als 2015 das Jubiläumsbuch «100 Jahre Dätwyler» erscheint, ist er darin zwar oft und prominent erwähnt, aber auf keinem Bild zu finden ...

1957 heiratet Edmund Hohl Dorothy Ann Bartz und wird Vater von vier Söhnen. Er ist ein stolzer und liebevoller Vater, wie sich sein ältester Sohn erinnert. Nie hätte er sie zu irgendetwas zwingen wollen oder in irgendeine Richtung Druck ausgeübt. Überhaupt seien die Eltern, so Edmund Hohl Junior, immer hinter ihnen gestanden. «Wir hatten wohl das, was man eine glückliche Kindheit nennt.»

1960 finden sich Max Dätwyler und Edmund Hohl erneut: Der Jurist und Ökonom wird zuerst Personalchef der Dätwyler-Tochter Firestone in Pratteln BL, später Direktionsvorsitzender – und Mentor seines Freundes Max, der hier als frischgebackener Doktor der Chemie ins Familienunternehmen einsteigen soll.

Edmund Hohl wird im Laufe der Jahre nicht bloss zum engsten Mitarbeiter und Berater von Peter und Max Dätwyler, er wird zum «dritten Bruder», der an allen wichtigen Entscheiden beteiligt ist und die Unternehmensstrategie mitbestimmt. «Genau genommen führten wir das Unternehmen als ‹Triumvirat›», erinnerte sich Max Dätwyler später. Dass ihn die Mitarbeitenden als «graue Eminenz» bezeichneten, lag allerdings eher daran, dass Edmund Hohl schon sehr früh ergraute ...

Völlig neue Möglichkeiten dank des Computers

Edmund Hohl konzentriert sich auf das betriebliche Rechnungswesen. Dabei nützt er die völlig neuen Möglichkeiten, die sich 1964 bei der Einführung des ersten grossen IBM-Computers bei Firestone (ab 1967 auch bei Dätwyler in Altdorf) ergeben. Aus den anfallenden hohen Datenmengen zieht er beispielsweise früh den Schluss, dass nur die Konzentration auf rentable Nischen finanziellen Erfolg bringt. «Nun wussten wir viel schneller, mit welchen Produkten wir Geld verdienten und konnten entsprechend reagieren», so Edmund Hohl im Jubiläumsbuch «Die Kraft der unscheinbaren Dinge».

In der Arbeit für Dätwyler geht Edmund Hohl auf. Privates und Geschäft trennt er aber konsequent. Selten erzählt er am Familientisch von seinem Alltag in der «Guumi», für die er oft unterwegs ist, viel im Ausland und auch mal in «geheimer Mission»: Als es 1973 um den Verkauf von Firestone geht, fliegt er immer wieder «heimlich» in die USA, wie sich sein Sohn Edmund erinnert. Denn der Deal, der wohl zu den wichtigsten und erfolgreichsten seiner gesamten Karriere zählt, durfte nicht vorzeitig publik werden.

Als treibende Kraft gilt Edmund Hohl auch bei der Öffnung der Firma Mitte der 1980er-Jahre. Er teilt die Meinung von Peter Dätwyler, dass ein «Going-public» dem Unternehmen völlig neue Möglichkeiten eröffnet. Für einmal kämpft er hier gegen den erbitterten Widerstand seines Freundes Max, der sich nie begeistern kann für diese Lösung. Dass sich der Verwaltungsrat schliesslich einstimmig für die Öffnung entscheidet, ist wohl vor allem das Verdienst von Edmund Hohl.

1992 in Pension

Er ist erst 63-jährig und noch voller Tatendrang, als er sich 1992 pensionieren lässt. Mit seiner Frau Dorothy fliegt er rund um die Welt, pflegt seine Kontakte und sein Hobby als Fischer. Mit Vorliebe kehrt er dazu immer wieder in seine Heimat Appenzell zurück, wo er zeitlebens Mitglied des Fischervereins bleibt. Immer öfter stellt er sich auch an den Herd und optimiert – ganz Ökonom – jene Rezepte, die das Potenzial zum persönlichen «Bestseller» haben.

Ausserdem fängt Edmund Hohl nach seiner Pensionierung an zu malen, vor allem Landschaften und Tiere. «Nichts Abstraktes», wie sein Sohn lachend erzählt. «Damit konnte er überhaupt nichts anfangen. Er war doch eher der bodenständige Typ.» Vielleicht ist er es, der seinen Freund Max Dätwyler dazu animiert, selber auch zu malen. Oder war es umgekehrt? Jedenfalls bleiben die beiden bis zum Schluss verbunden. Kaum zwei Monate nach dem Tod von Max Dätwyler stirbt auch Edmund Hohl. Am 22. Januar sei er friedlich eingeschlafen, sagt sein Sohn. «So, wie er es sich gewünscht hat.»

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