Luzern

«Dass Pensionierte nichts mehr zur Gesellschaft beitragen können sollen, ist Unsinn»: Ex-Praktikant (78) geht zum zweiten Mal in Pension

Als «ältester Praktikant der Schweiz» begann Livio Arfini 2017 bei einer Luzerner Werbeagentur. Sein Chef lobt die Qualitäten des heute 78‑Jährigen.

«Bin interessiert. Eine Bewerbung schreibe ich keine, aber vorstellen würde ich mich schon.» Mit diesen Sätzen meldete sich Livio Arfini 2017 auf eine Stellenausschreibung der Luzerner Werbeagentur Rocket. Gesucht war ein Praktikant oder eine Praktikantin über 65, für drei Monate. Arfini war 68 und bereits pensioniert. Er bekam die Stelle, und aus den drei Monaten wurden schliesslich fast zehn Jahre. Ende Oktober geht der 78-Jährige nun zum zweiten Mal in Pension.

Dass er sich damals überhaupt meldete, hatte mit seiner Partnerin zu tun, erzählt Arfini: «Schon nach meiner ersten Pensionierung hat sie gesagt: ‹Du bist viel zu jung, um nichts zu machen›». Nach dem ersten Gespräch mit Mathias Schürmann und Beat Niggli, den beiden Teilhabern von Rocket, sei eigentlich bereits alles klar gewesen. «Es hat sofort gematcht», erinnert sich Arfini. Und damals erzeugte die Geschichte des «ältesten Praktikanten der Schweiz» über die Landesgrenzen hinaus grosses Interesse. Dass Arfini aber fast 10 Jahre dort arbeiten würde, hätten weder er noch Schürmann erwartet: «Nie im Leben!»

Er brachte die Perspektive älterer Menschen ein

Warum Arfini länger blieb, ist einfach erklärt: «Es hat einfach gepasst». Bereits nach wenigen Wochen sei er wieder im gewohnten Arbeitsrhythmus gewesen. Nach dem Praktikum schrieb Arfini Projektbeschriebe, bereitete Kundenpräsentationen vor und war bei Videodrehs dabei. Bald war er aus dem Team nicht mehr wegzudenken, und brachte insbesondere auch die Perspektive älterer Menschen ein: Als bei einem Projekt einmal ein älterer Mann im Schaukelstuhl als Motiv vorgeschlagen wurde, hinterfragte er dieses Klischee prompt.

Ein Berufsanfänger war Arfini höchstens in der Werbebranche. Vor seiner ersten Pensionierung hatte er bei Manor eine Ausbildungsabteilung mit rund 50 Mitarbeitenden geleitet. Diese Erfahrung war auch intern gefragt, gerne habe er den Agenturchefs bei Führungsfragen «manchmal Tipps gegeben». Auf seine Anregung entstand auch eine Begrüssungskarte für neue Mitarbeitende, auf der unter anderem steht, dass Fehler erlaubt sind – und auch Kaffeetrinken. Sie ist noch heute bei Rocket im Einsatz.

«Ich hatte immer das Gefühl, mit allen auf Augenhöhe zu sein»

Besonders geschätzt habe Arfini die Zusammenarbeit mit den jüngeren Mitarbeitenden. Zeitweise trennten Arfini fast 60 Jahre von den Jüngsten im Team. Alt gefühlt habe er sich nie: «Ich hatte immer das Gefühl, mit allen auf Augenhöhe zu sein» – vom Chef bis zum Stift. Zwar sei man keineswegs immer einer Meinung gewesen. «Entscheidend ist, einander ernst zu nehmen.» Arfini profitierte vom technischen Wissen der Jüngeren. Schürmann wiederum schätzte vor allem Arfinis Gelassenheit, wenn im Betrieb Stress oder Schwierigkeiten auftraten.

Dass Arfini arbeitete, weil er wollte, und, nicht weil er musste, verschaffte ihm auch eine gewisse Unabhängigkeit gegenüber seinen Vorgesetzten. «Ich konnte Mathias auch mal sagen, diese oder jene Idee sei ein ‹Gugus›.» Heutzutage brauche es viel Mut, dem Chef zu widersprechen. «Da hatte ich ein Privileg, ich hatte nichts zu verlieren.» Dass seine Geschichte ungewöhnlich ist, weiss Arfini. Auf die Frage, ob die Gesellschaft die Fähigkeiten älterer Menschen genügend nutze, antwortet er dezidiert: «Viel zu wenig. Die Vorstellung, dass Menschen mit dem Erreichen des Pensionsalters plötzlich nichts mehr zur Gesellschaft beitragen können sollen, ist völliger Unsinn.»

Pensionierte beschäftigen? Gerne wieder, sagt die Firma

Warum nun der Abschied? «Schwer fällt es mir eigentlich nicht», so Arfini. Natürlich werde er das Team vermissen, und bei Gelegenheit auch wieder auf einen Kaffee vorbeischauen. Aber auch mit 78 bleibt er weiterhin beschäftigt. Er engagiert sich im Ausschuss des Forums Luzern 60+ und im Vorstand von Vicino Luzern, und er hat einen kleinen Camper, mit dem er gerne herumreist. Dazu kommt die Saisonkarte beim FC Luzern: «FCL-Matches sind für mich sakrosankt», sagt er mit einem Augenzwinkern.

Bei Rocket hat das Experiment jedenfalls bleibende Spuren hinterlassen. Die Agentur könne sich vorstellen, ältere Mitarbeitende künftig länger und beispielsweise in Teilzeit zu beschäftigen. Gleichzeitig wolle man jüngeren Angestellten früh Verantwortung übertragen. «Entscheidend ist die Mischung», so Schürmann.

Ob diese zweite Pensionierung diesmal wirklich endgültig ist, lässt Livio Arfini offen. Er verweist auf einen James-Bond-Filmtitel: «Sag niemals nie.»

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