Stadtwärts

Das Stadt-Land-Paradox

Städte sind weltoffener, ökologischer und feministischer? Mitnichten! Ein Vergleich von Luzern mit Hildisrieden genügt, um dies zu widerlegen.
Demonstriert wird in der Stadt Luzern gerne - auch für Gleichstellung. Doch in der Realität sind andere schon viel weiter.
Bild: Pius Amrein

Haben Sie schon einmal vom «Stadt-Land-Paradox» gehört? Macht nichts – ich habe den Begriff auch erst gerade erfunden. Es besagt: Je grösser eine Stadt, desto provinzieller ist sie – und umgekehrt. Nehmen wir Hildisrieden. Wer dort lebt, hat viele Gründe, das Dorf immer wieder mal zu verlassen: Für die Arbeit, fürs Kino, um Freunde im Nachbardorf zu treffen oder weil man einen neuen Gartengrill aus dem Baumarkt braucht. Das erweitert jedes Mal ein bisschen den Horizont.

Wie anders ist da der Alltag in der Luzerner Neustadt oder im Bruchquartier: Man kann sich das Leben dort so einrichten, dass man das Quartier niemals zu verlassen braucht: Nicht für die Arbeit, nicht fürs Kino, nicht fürs Feierabendbier. Den Gartengrill gibt’s bei von Moos am Kasernenplatz – und selbst zum Heiraten braucht man nicht extra das Quartier zu verlassen, da das Standesamt gleich um die Ecke liegt.

Das alles ist natürlich toll und spricht für eine lebendige Innenstadt. Bloss fördert es nicht gerade die Weltoffenheit. Kein Wunder, kommt es bisweilen etwas penetrant hinüber, wenn Luzernerinnen und Luzerner von der «schönsten Stadt» schwärmen – und man sich fragt, ob sie denn überhaupt eine andere kennen.

Das erwähnte Stadt-Land-Paradox ist umso ausgeprägter, je grösser die Stadt ist. Zürich würde wohl gar nicht erst von der «schönsten» Stadt reden, sondern von der «einzigen». Zumindest in der Schweiz. Wenn schon, dann vergleicht man sich mit Berlin und New York als ebenbürtige Metropolen.

Das Stadt-Land-Paradox räumt auch mit dem Vorurteil auf, wonach Städte ökologischer und feministischer sind. So ist die Stadt Luzern das kantonale Schlusslicht in Sachen Klimaschutz: 83 Prozent der Häuser wurden 2023 noch immer mit Öl oder Gas geheizt. Und in Hildisrieden? Dort sind es gerade mal 36 Prozent. Dafür liegt der Frauenanteil im Hildisrieder Gemeinderat bei 80 Prozent – mehr als doppelt so hoch wie im Luzerner Stadtparlament.

Und obwohl die Stadt wohl mehr Geld für Gleichstellungspolitik ausgibt als alle anderen Gemeinden zusammen, so ist sie selbst bei der Fasnacht noch im vorletzten Jahrhundert stehen geblieben: Während Zunftmeisterinnen landauf landab eine Selbstverständlichkeit sind, sind Frauen in den grossen städtischen Zünften noch nicht einmal als einfache Mitglieder geduldet.

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